Buch: Die Welt autistischer Frauen und Mädchen

Kennt ihr das: Ihr schaut einen Film und ihr wisst genau, ihr habt den schonmal gesehen. Ihr könnt euch aber weder daran erinnern, wann ihr den Film gesehen habt, noch daran was als nächstes geschieht.

Genau so ging es mir mit dem Buch „Die Welt autistischer Frauen und Mädchen“. Ich weiß ganz genau, dass ich es schonmal gelesen hatte. Ich hatte aber absolut keine Ahnung, was mich auf der nächsten Seite erwarten würde. Sobald ich aber den nächsten Abschnitt gelesen hatte, erkannte ich es direkt wieder „Ah genau, so war das!“. Das ist jetzt viel eher eine Feststellung, als dass es ein Qualitätsurteil ist.

Aber vielleicht erst mal ein paar Schritte zurück. Worum geht es in dem Buch? „Die Welt autistischer Frauen und Mädchen“ richtet sich dem Titel nach an autistische Frauen und Mädchen und deren An- und Zugehörigen. Bereits zu Beginn des Buches wird jedoch explizit darauf hingewiesen, dass es mehr Geschlechter gibt als es uns binäre Geschlechterkategorie vorzugaukeln versuchen. Und das finde ich primär erstmal super! Mit dem Buchtitel werden nicht ohne Grund autistische Frauen und Mädchen benannt, da diese Gruppe strategisch unterdiagnostiziert ist und wenn überhaupt erst wesentlich später diagnostiziert werden. Das gilt gleichermaßen für trans* Personen (also alle, die sich außerhalb der binären Geschlechterbegriffe wiederfinden). Insofern finde ich es zwar stark, dass trans* Personen auf den ersten Seiten (und auch nachfolgend) immer wieder benannt werden, aber auch extrem schade, dass der Buchtitel am Ende doch wieder binäre Geschlechterkategorien repräsentiert.

Inhaltlich hat das Buch meiner Meinung nach eine gute Aufteilung. Es wird mit einer Einordnung des Autismus-Begriffes begonnen und das die neurodivergente Verdrahtung im Gehirn den Alltag von Autist:innen häufig anstrengender macht als den Alltag von nicht-Autist:innen. Weiter geht es mit verschiedenen Autismussymptomen und wie diese sich auch vom Kindergarten bis zur Menopause verändern können. Ganz im Sinne der Psychoedukation wird – ausgehend von Autismus als Basisstörung – auf häufige Begleiterkrankungen eingegangen. Als Begleiterkrankung wird allen voran natürlich ADHS genannt, weil es einfach eine der häufigsten Komorbiditäten darstellt. Dann folgen Tics, Hochbegabung, Schlafstörungen, Depression, Angst- und Essstörungen, Psychose und Sucht, Persönlichkeitsstörungen, PTBS und Suizidalität. Auf den Zusammenhang mit körperlichen Begleiterkrankungen und Schmerzsyndromen wird ebenfalls eingangen.

Nachdem jetzt gefühlt mehr oder weniger die defizitäte Seite und Schwierigkeiten beim Bestehen in einer neurotypischen Welt, die nicht auf die Bedürfnisse von Autist:innen ausgerichtet sind, abgehandelt wurden, wechselt der Fokus nun auf die Ressourcen und Stärken von Autist:innen. Welchen Vorteil haben zum Beispiel Entscheidungsschwierigkeiten? Welchen Vorteil hat die besondere Wahrnehmung und Reizverarbeitung von Autist:innen. Wann kann der Hang zu Präzision, Detailwahrnehmung und gründlichem Abwägen von Vorteil sein? Viele Autist:innen ecken häufig an, durch relativ ungeschönte Bemerkungen. Ich kenne das von mir selbst und es stürzt mich regelmäßig in quälende Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle, weil ich nicht verstehe, warum sich jemand von mir abwendet und vor den Kopf gestoßen fühlt. Dieses Kapitel hat mir eine neue Perspektive dazu ermöglicht: Die Kehrseite davon ungeschönte Bemerkungen rauszuposaunen ist zweifelsohne, dass man sich bei mir in aller Regel meiner Ehrlichkeit und klaren Kommunikation sicher sein kann. Zumindest, wenn man sich darauf einstellen möchte. Aber Kommunikation ist ja bekanntlich keine Einbahnstraße. Mit dem Vorurteil, dass Autist:innen keine Empathie hätten wird in diesem Teil im Übrigen ebenfalls aufgeräumt.

Identität und Selbstwert, die konstante Frage „Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht versuche, wie die anderen zu sein“ begleitet viele Autist:innen. Das Buch gibt hierauf keine schnelle Antwort. Aber es bietet auch hier wieder Perspektiven an und vor allem eine Art Begründung, warum man vielleicht so im Unklaren darüber ist, wer man selbst eigentlich ist. Anpassung bzw. Masking auf Kosten des eigenen Selbst war vielleicht über eine lange Zeit im Leben notwendig um zu überleben. Es ist aber ein stetiger Raubbau am Körper, an dessen Ende nicht selten völlige Erschöpfung steht. Es hilft, wenn man weiß, dass diese Identitätsfrage Autismusbedingt ist und nicht daher rührt, dass man irgendwie ein Minusmensch ist. Für mich, macht das Buch an dieser Stelle gute Arbeit und öffnet eine Tür zum Perspektivwechsel. Durchgehen muss man allerdings selbst. Insofern sehr passend, dass sich dann ein Kapitel zu Therapie anschließt. Was kann Therapie bei Autismus, was ist möglich und was ist sinnvoll und was soll und kann das Ziel von Autismustherapie sein. Spoiler: Es ist nicht, dass man auf die Umwelt weniger autistisch wirkt, sondern für sich selbst hilfreiche Strategien finden kann. In diesem Kapitel wird aber auch die Schwierigkeit hervorgehoben, dass es weder kaum geeignete Anlaufstellen zur Diagnostik gibt, noch ausreichend viele Psychotherapeuten, die in der Therapie mit Autist:innen ausgebildet sind. Vor allem nicht im Erwachsenenbereich. Da nun aber immer mehr Erwachsene eine Diagnostik suchen habe ich Hoffnung, dass sich auf dem Markt noch etwas ändert. Aber machen wir uns nix vor: Die psychotherapeutischen Ressourcen sind seit Jahren mehr als knapp und der Bedarfslage schon lange nicht mehr angemessen. Es gleicht einem Lotto-Spiel einen passenden Therapieplatz zu finden. Zu guter Letzt geht es im Buch noch um Selbsthilfe und es werden verschiedene Adressen und Anlaufstellen benannt.

Fazit:

Wie eingangs gesagt: Ich habe das Buch nun zweimal gelesen, weil ich mich nicht mehr an die Inhalte erinnern konnte. Aber ich wollte ja etwas über das Buch schreiben und wie sollte ich denn eine Empfehlung abgeben, wenn ich gar nicht mehr weiß was drin steht? Das ist an sich erstmal kein Qualitätsurteil, sondern eine Zustandsbeschreibung. Und wesentlich mehr meinem Hirn und meiner Verarbeitung geschuldet, als der Qualität des Buches. Das Buch ist meines Erachtens ein phantastisches Buch zum Einstieg. Es werden alle relevanten Themen in Bezug auf Autismus angesprochen. Allerdings bleibt es auf einem oberflächlichen Niveau. An mancher Stelle hätte ich mir ein wenig mehr Tiefgang gewünscht. Aber das liegt sicherlich daran, dass ich nun bereits einiges an Wissen zu Autismus gesammelt habe und daher das Meiste nicht mehr neu für mich war.

Wer aktuell ein Buch zu Autismus bei Jugendlichen und Erwachsenen sucht und sich vorher noch wenig mit dem Thema auseinandergesetzt hat, der wird mit diesem Buch extrem gut bedient sein. Das Buch ist zwar dem Titel nach auf die Zielgruppe autistischer Mädchen und Frauen ausgerichtet, aber meines Erachtens ist das Buch für alle Geschlechter gleichermaßen hilfreich.

Die Welt autistischer Frauen und Mädchen“ von Manon Mannherz, Ismene Ditrich und Christa Koentges.

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About the author

Div Alpaka sucht sich selbst im Dschungel von Neurodivergenz, Fehldiagnosen und dem Leben.

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