Nachdem ich jetzt die Diagnosen Autismus und ADHS habe stehe ich auch vor der Aufgabe mit einer durchaus stigmatisierenden Fehldiagnose aus der Vergangenheit umzugehen. Mir geistern die viele Fragen im Kopf rum. Eine davon, warum niemand ADHS oder Autismus erkannt hat? Es hätte doch genug Möglichkeiten gegeben. Klar. Auf neutraler fachlicher Ebene weiß ich: Die Diagnostik hat sich in den letzten 30 Jahren entwickelt. Die Diagnosekriterien haben sich verändert. Viele, die nicht als Jungs geboren worden sind, passten nicht in das Bild von ADHS oder Autismus. Borderline war als Diagnose vor 20 Jahren sehr in Mode und wurde gerade auch Frauen schnell aufs Auge gedrückt und als passend empfunden. Ich gehöre also zu der Kohorte, bei der die Diagnostik nun aufholt und Lücken schließt. Ich bin damit nicht alleine. Allein das Wissen darum damit nicht allein zu sein, hilft mir.
Studien und Wissenschaft helfen mir, mich selbst besser zu verstehen. Die emotionalen Aspekte der Problematik auf eine einigermaßen faktenbasierte Ebene zu ziehen. Und eben zu sehen: Ich bin kein Einzelfall. Ich bilde mir das alles nicht ein. Das Wissen aus diesen Studien aufzunehmen und für mich (und respektive auch für alle, die das dann lesen wollen) zusammenzufassen hilft mir Ordnung in mein System zu bringen. Und wenn der ein oder anderen Person mit der Zusammenfassung solcher Studienergebnisse geholfen ist, freue ich mich ein bisschen und habe was für meine Selbstwirksamkeit getan. Lange Rede, wenig Sinn…. Was habe ich gelesen?
1. The experience of autistic adults who were previously diagnosed with borderline or emotionally unstable personality disorder: A phenomenological study (2025)
Zehn autistische Erwachsene wurden in halb-strukturierte Interviews befragt. Alle Probanden hatten zuvor eine Borderline-Diagnose erhalten. Sie wurden zu individuellen Erfahrungen mit der Diagnosenstellung und dem diagnostischem Prozess erfragt. Im Vergleich der Antworten zeigten sich durchaus Überschneidungen und Ähnlichkeiten, die in insgesamt 10 Themenbereiche (Group Experiental Themes kurz: GET) zusammengefasst werden konnten. Eine Übersicht zu den Ergebnissen findet ihr in der nachfolgenden Abbildung (im Alt-Text ist der Inhalt nochmal aufgeführt).

2. Endgendering misunderstandig: autism and borderline personality disorder (2023)
Ein kurzer Artikel über die Fehleinschätzung von klinischen Fachpersonen, dass es total leicht sei, eine Borderline-Störung zu erkennen und zu diagnostizieren. Das führe dazu, dass in der Diagnostik oft eine Abkürzung genommen werde. Sprich: eine vernünftige Differentialdiagnostik kommt zu kurz. Als Gründe für die Fehleinschätzung fasste er in seinem Artikel folgendes zusammen:
- Insbesondere Frauen und Trans*-Personen sind davon betroffen und werden auf Grund der cis-männlichen Diagnosekritieren oft übersehen. Das führt dazu, dass die betroffenen Personen seltener oder erst später zu einer Diagnostik vorgestellt werden.
- Spezialinteressen würden bei Frauen und Trans*-Personen übersehen, weil sie eher Mädchen-typisch seien.
- Hyperfokus werde nur wahrgenommen, wenn er sehr auffällig sei.
- Stimmung, Burnout und Meltdown würden seltener von außen wahrgenommen, weil diese häufiger nach innen gerichtet stattfänden.
- Frauen und Trans*-Personen maskieren mehr und effektiver. Sie tun sich oft leichter ihre Altersgenossen zu beobachten und zu kopieren
- In der Adoleszenz kommen die Masking- und Coping-Strategien oft an ihre Grenzen. Die Schwierigkeiten und Probleme die dann auftreten, werden jedoch oft einer anderen Ursache (z. B. psychische Störung) zugeschrieben
Autistische Mädchen und Trans*-Personen erleben in ihrer Kindheit oft Ängste und Depressionen. Sie versuchen ihren Stress durch Rituale und zwanghaftes Verhalten zu kompensieren. Ohne die richtige Unterstützung und Verständnis für die Ursachen führt dieser permanente Stress, sich an die Umwelt anzupassen zu Selbstverletzung, emotionaler Dysregulation und sensorischem Overload. Diese Symptome treten zyklisch auf, da funktionierendes Masking von Diagnostikern verkannt wird als ‚funktionales Verhalten‘. Tritt nun ein Burnout, Meltdown oder Shutdown auf, wirkt es von außen, als käme dieser aus heiterem Himmel. Ohne vernünftige Differentialdiagnostik, ist das ist dann ein gutes Rezept für die Fehldiagnose Borderline.
3. Comorbidity and Overlaps between Autism Spectrum and Borderline Personality Disorder: State of the Art (2023)
Abschließend möchte ich euch hier noch einmal die Ergebnisse aus einem Review zeigen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Autismus und Borderline. In einem Review werden die Ergebnisse aus verschiedenen Studien analysiert und zusammengefasst.

Warum ist (mir) das alles überhaupt wichtig?
Warum ist es überhaupt wichtig diese Perspektive zu verstehen? Die Fehldiagnose Borderline wird oft als Stigma erlebt, bei der Betroffene an Unterschieden zu anderen und Problemen in Kommunikation und Verhalten selbst schuld sind. Wer den Umgang der Gesellschaft und auch der Fachpersonen im Gesundheitssystem mit Borderline-Patient:innen noch nicht selbst erlebt hat, kann sich von der Abwertung & Stigmatisierung, die einem da zum Teil entgegenschlägt kaum vorstellen. Meine Hausärztin zum Beispiel wollte mir damals zunächst kein Gesundheitszeugnis ausstellen, um in die Ausbildung starten zu können. Sie hatte offenkundig die Sorge, dass Menschen mit Borderline mit einer Axt durch die Welt laufen würden. Von Fachpersonen wird man nicht selten abgelehnt, wenn man auf der Suche nach Hilfe sagt, dass man eine Borderline-Diagnose hat. Und ob man dann wirklich ernstgenommen wird, ist nochmal eine andere Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob es Angst vor der Diagnose ist oder keine Lust besteht sich mit dem Patientenklientel auseinanderzusetzen. Egal welche Erklärung zutrifft: Von psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachpersonen erwarte ich da irgendwie mehr.
Nun könnte man auch meinen: Naja, immerhin überhaupt eine Diagnose, die Zugang zu Hilfen und Therapie bedeutet. Die klinische Erfahrung zeigt jedoch, dass eine Fehlbehandlung auf Borderline Masking befördern kann. Die Betroffenen glauben oft, sie müssten sich einfach noch ein bisschen mehr anstrengen, damit Sozialkontakt und das Zusammenleben besser funktioniert. Glauben, dass die Schwierigkeiten in Kontaktaufbau und Beziehungsarbeit an ihnen liege. Versuchen sich also noch mehr anzupassen und noch mehr zu maskieren. Da Masking für Autist:innen aber unglaublich kräftezehrend sein kann, führt das nicht selten zu weiteren Problemen bis hin zu Suizidalität.
Quellen:
1: Tamilson, B., Eccles, J. A. & Shaw, S. C. K. (2025). The experiences of autistic adults who were previously diagnosed with borderline or emotionally unstable personality disorder: A phenomenological study. Autism, 29(2), 504–517. https://doi.org/10.1177/13623613241276073
2: Watts, J. (2023). Engendering misunderstanding: autism and borderline personality disorder. International Journal Of Psychiatry in Clinical Practice, 27(3), 316–317. https://doi.org/10.1080/13651501.2023.2187843
3: Dell’Osso, L., Cremone, I. M., Nardi, B., Tognini, V., Castellani, L., Perrone, P., Amatori, G. & Carpita, B. (2023). Comorbidity and Overlaps between Autism Spectrum and Borderline Personality Disorder: State of the Art. Brain Sciences, 13(6), 862. https://doi.org/10.3390/brainsci13060862
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