Herzlichen Glückwunsch, es ist Autismus. Und ADHS. Und halt nicht Borderline.

Zwischen Erleichterung, Trauer und Wut.

Ich musste 40 Jahre alt werden um zu Wissen, dass ich ADHS habe und 41 um zu erfahren, dass ich auch Autismus habe. Und zwar schon immer gehabt habe. Das ist nichts, was sich erst im Laufe des Lebens irgendwann entwickelt. Aber warum musste ich für diese diagnostische Klarstellung erst ein halbes Leben hinter mich bringen?

Meine Eltern wussten immer schon, dass ich irgendwie anders bin. Ihnen war bewusst, dass sie mir mit dem Kindergarten keinen Gefallen tun würden, ich hätte auch ganz gut ohne die anderen Kinder gekonnt. Und tatsächlich: Ich erinnere mich an wenige Interaktionen mit anderen Kindern und wenn dann waren es eigentlich immer nur die gleichen 2-3 Kinder. Aber welche Wahl hatten meine Eltern schon? Ich musste ja früher oder später mit anderen Kindern und den diversen gesellschaftlichen Regeln konfrontiert werden. Glücklich war ich in der Kita aber nie. Ich erinnere mich auch hiervor allem an das Gefühl nicht dazuzupassen. Das zog sich dann so durch die Grundschulzeit und eigentlich auch Gymnasialzeit durch.

Zwischen Psychiatrie und Psychotherapie im Diagnose-Dschungel

Ich hatte den ersten Kontakt zu einem Kinder-Psychotherapeuten im Grundschulalter. Ich fand die Termine furchtbar. Sie wollte ständig Spiele mit mir spielen, auf die ich keine Lust hatte. Das worauf ich Lust hatte, hatte selten Raum. Ich hatte das Gefühl, dass ich lernen sollte zu funktionieren. Und bei den Familiengesprächen durfte ich mir anhören was alles nicht funktioniert an und mit mir. Den nächsten Kontakt zum diagnostischen System hatte ich in der 5. Klasse zur Leistungsdiagnostik und der Frage warum ich mich nicht integrieren könne. Ergebnis: Ich sei halt bissle faul. Kognitiv sei alles da. Und so war es ja auch. Schulisch sprang ich stets genau so hoch wie ich musste. Und keinen Milimeter weiter. Blieb stets unter meinen Möglichkeiten. Warum sollte ich auch darüber hinaus gehen, bei Themen die mich nicht interessierten?

Im Jugendalter kam die dritte Gelegenheit eine korrekte Diagnose zu stellen. Man sollte meinen, so ein halbjähriger teilstationärer Aufenthalt würde da eine fundierte Grundlage darstellen. Viele Jahre später arbeitete ich als Pflegekraft in der gleichen Klinik und konnte meine Befunde von damals einsehen. Naja… Einen Entlassbericht hatte damals niemand geschrieben. Aber immerhin hat mal jemand die Diagnose „Störung des Sozialverhaltens“ neben der depressiven Episode codiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber von einer ambulanten Therapeutin Anfang meiner 20er die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung erhalten und dachte, die Störung des Sozialverhaltens geht halt darin auf.

Die Diagnose Borderline ergab für mich damals auch zu einem guten Teil Sinn. Ich hatte ja eine Impulskontrollstörung. Ich war emotional instabil. Meine Wut war für mich zum Teil nicht mehr beherrschbar und für aussenstehnde unangebracht intensiv. Ich hatte Anspannungszustände, die so stark waren, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste, als mich selbst zu verletzen. Dissoziatives Erleben? Check! Aliengefühl? Check! Hochrisikoverhalten? CHECK! Die Diagnosekriterien waren also erfüllt. Wonach ich aber nicht gefragt wurde:

  • Woher kamen die Anspannungszustände? Kamen sie vielleicht von der Überforderung mit der Umwelt? Vielleicht ist man auch einfach angespannt, wenn man den ganzen Tag versucht hat herauszufinden in welchem Kontext man sich gerade befindet. Was gerade von einem erwartet wird. Welches Verhalten akzeptabel ist und welches der Situation nicht angemessen ist. Vielleicht ist es anstrengend nicht zu wissen, warum sich heute wieder über einen lustig gemacht wurde? Vielleicht ist es anstrengend im Bus unterschiedlichen Gerüchen und Geräuschen und Lärm ausgesetzt zu sein.
  • Woher kam das Hochrisikoverhalten? War es vielleicht mein Hirn auf der Suche nach Dopamin, weil davon zu wenig verfügbar ist? Vielleicht war das Gras ein Versuch mich selbst ein wenig zu medizieren. Und vielleicht war der Alkohol mein Mittel um an Parties und gesellschaftlichen Events überhaupt teilnehmen zu können
  • Und war die unangemessen und unbeherrschbare Wut vielleicht einfach ein Meltdown? Ein Meltdown als Reaktion auf eine spontane Planänderung… auf unvorhergesehene Dinge jeglicher Art.
  • Was bei der Diagnosestellung auch gar nicht gestört zu haben scheint: Ich hatte nie instabile Beziehungen. Ganz im Gegenteil. Ich habe oft an Beziehungen länger fest gehalten als mir gut tut.

Der feine Unterschied in der sozialen Kommunikation und Interaktion

Was mich rückblickend an der Vergabe der Borderline Diagnose sehr stört: Klar gibt es bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ auch Auffälligkeiten in der Sozialen Interaktion und Kommunikation. ABER! Diese ist meines Erachtens vollkommen anders als die Interaktions- und Kommunikationsstörung bei Autismus. Jemand mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung weiß in der Regel sehr gut was er oder sie sagen muss um eine bestimmte Reaktion zu erreichen und weiß was er oder sie beim Gegenüber damit auslöst. Bei Autismus fehlt ja aber gerade dieses Verständnis für soziale Kommunikation. Ich verstehe nicht warum ich jemandem auf die Füße trete, wenn ich jemandem auf Nachfrage ehrlich antworte, dass ich den neuen Pulli halt nicht schön finde. Also ja, ich habe mir irgendwann schon erschlossen, dass es auf bestimmte Fragen auch bestimmte Antworten gibt, die erwartet werden. Aber es gelingt mir nicht intutiv zu verstehen, warum es manchmal strategisch besser sein kann eine sozial erwünschte Antwort zu geben, anstatt der Wahrheit.

Ja, ich versuche irgendwie milde zu sein mit der psychiatrisch-psychotherapeutischen Diagnostik. Immerhin liegen zwischen den Diagnosen knapp 20 bzw. 25 Jahre und damals waren die diagnostischen Kriterien für Autismus und ADHS noch andere und durften auch nicht zusammen vergeben werden. Aber dennoch: der oben beschriebene Unterschied in der Sozialen Kommunikation und Interaktion zwischen Borderline und Autismus so zentral, dass ich mich wirklich nur wundern kann.

Und nun?!

Tja. Und nun?! Nun stehe ich da und versuche herauszufinden wie es mir mit der Diagnose geht. Klar. Es ändert nichts daran wer ich bin und so weiter. Aber wer genau bin ich denn, wenn ich wirklich einfach nur ich selbst bin?

Nach einem halben Leben habe ich jetzt eine Erklärung dafür, warum ich mir immer schwer getan habe. Warum ich immer und immer wieder angeeckt bin. Nach einem halben Leben habe ich also nun die Chance doch mal irgendwie anzukommen. Aber trotz allem ist da auch viel Trauer über verpasste Chancen und Hilfe und Wut über Schwierigkeiten und Leid, dass ich mir hätte ersparen können. Eine ADHS und Autismus-Diagnose vor 25 Jahren hätte mir sicherlich die eine oder andere Lebenskrise erspart. Und ja, man sagt ja immer, man soll nach vorne schauen… Aber so ein bisschen Trauer über das evtl. unnötige Leid darf schon sein, oder? Wenn ich damit fertig bin, schau ich auch wieder nach vorn. Überlege was ich für mich ändern kann und muss, damit ich ein Leben führen kann, mit dem ich selbst glücklich werden kann. Und nicht ein Leben, in dem ich versuche allem hinterher zu laufen und versuche mich passend zu machen und dabei alles auszubrennen was ich habe. Denn das war so mein Ansatz bisher: Ich müsse mich einfach nur noch ein bisschen mehr bemühen. Nur noch ein bisschen mehr geben, damit ich mit den anderen mithalten kann. Aber vielleicht muss ich das ja gar nicht? Vielleicht kann ich zwischendurch auch einfach mal den Seestern machen und sagen: Ich mach hier jetzt gar nichts mehr!

Weiterführendes….

Die erste Hälfte des Titels habe ich im Übrigen abgeguckt von diesem wahnsinnig liebevoll gestalteten Büchlein:

Herzlichen Glückwunsch, es ist Autismus! Selfcare-Tipps und mehr für neurodivergente Menschen von Daniela Schreiter .

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About the author

Div Alpaka sucht sich selbst im Dschungel von Neurodivergenz, Fehldiagnosen und dem Leben.

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