
Das Buch Autismus, ADHS und Tics – Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstöurng und neuropsychiatrischer Krankheit von Ludger Tebartz van Elst (3. Auflage) richtet sich recht deutlich eher an ein Fachpublikum und stellt kaum einen Ratgeber für Angehörige oder Betroffene dar.
Gemessen an der (akademischen) Zielgruppe, denen die Fachbegriffe bereits vertraut sind, ist das Buch aber in gut nachvollziehbarer Sprache geschrieben. Das ist nun wirklich keine Selbstverständlichkeit bei Fachliteratur! Ich habe mir das Buch gekauft, weil ich nüchterne Fakten zu aktuellen Diagnosekriterien und Vorgehen bei der Diagnostik haben wollte. Weil ich auf wissen wollte, wie ADHS und Autismus auf fachlicher Ebene voneinander abgegrenzt werden können oder wo es eben schwierig wird.
Überrascht wurde ich dann erstmal von mir selbst, als ich mich dabei wiederfand, wie ich nicht nur das erste, sondern auch das zweite und dritte Vorwort las. Ich fand es spannend hier bereits herauszulesen wie sich das Verständnis für Autismus und ADHS entwickelt hat. Es wird im Vorwort bereits spürbar, dass gerade Autismus in Fachkreisen mit erheblichen Vorurteilen einhergegangen ist (und vermutlich immer noch tut) und immer wieder die Sorge, man würde die Menschen (oder gar die Gesellschaft) überpathologisieren und -psychiatrisieren. Der Wandel über das stärker werdende Bewusstsein über Persönlichkeitsstörungen und -akzentuierungen und wie ADHS und Autismus dort hineinpassen. Bis hin zur aktuellen Anpassung in den Diagnosesystemen mit dem Verständnis von ADHS, Autismus und auch Tic-Störungen als Entwicklungsstörungen, die für den Autor nicht wirklich losgelöst voneinander zu betrachten sind. Nicht zuletzt, weil sie auch häufig gemeinsam auftreten oder sich aber diagnostisch überschneiden.
Viel zum Vorwort, aber was ist mit dem Inhalt? Inhaltlich nimmt der Autor in den ersten Kapiteln den Normbegriff, den Krankheitsbegriff auseinander und was eigentlich eine psychische Störung ist. Bereits beim Normbegriff wird deutlich: Was wir als Norm definieren, hängt extrem stark vom Kontext ab. Reden wir von Norm als statistische Größe, als technische Größe oder doch als Soziale Größe? Dass der Krankheitsbegriff nicht ganz eindeutig und unstrittig ist, dürften fast jede:r schonmal an irgendeiner Stelle mitbekommen haben. Besonders schön fand ich die Frage: „Ist ein Auto, welches normal funktioniert, bei Frost aber nicht mehr anspringt, defekt oder nicht?“ (S. 35). Wer definiert denn eigentlich was krank ist? In der Medizin muss man einen Umgang mit der Frage finden um entscheiden zu können: Wer braucht eine Behandlung und wer nicht?
Unter dem Thema der psychischen Störungen räumt der Autor mit dem Missverständnis auf, dass der moderne Störungsbegriff klassischen Krankheitskriterien entspricht. Und das finde ich total wichtig! Nicht ohne Grund kämpft ein erheblicher Anteil von Autist:innen und ADHSlern um den Begriff der Neurodivergenz (und eben nicht als Erkrankung oder Störung). Der klassische Krankheitsbegriff passt einfach nicht. Der Autor arbeitet heraus, dass das Missverständnis des Störungsbegriff als ‚Krankheit‘ nachteilige Folgen für das Selbstbild der Betroffenen, die Therapieplanung und auch die Forschungsstrategien haben kann.
Bevor es dann in die spezifischen Kapitel zu ADHS, Autismus und Tics geht, wird noch ein Abriss zu Persönlichkeitsstörungen eingeschoben. Zunächst habe ich mich gefragt, wie das thematisch jetzt reinpasst. Es wird bei den folgenden Kapiteln jedoch deutlich, da hier jeweils Autismus, ADHS und Tics als Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrische Krankheit gegenüber gestellt werden. Das empfand ich persönlich auch jeweils als interessante und bereichernde Sichtweise.
Die Kapitel zu Autismus, ADHS und Tic-Störungen sind dann jeweils ähnlich aufgebaut mit einer historischen Entwicklung des Begriffs bis zum heutigen Verständnise. Im Kapitel Autismus wird auf die verschiedenen Subtypen eingegangen: Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom, atypischer Autismus, autistische Regression und autistische Persönlichkeitsstruktur. Ja, diese Subtypen sind überholt. Aus fachlicher Sicht halte ich es aber auch für absolut sinnvoll, dass diese Begriff für ein vollständiges Bild hier erläutert werden. Zum einen wird hieraus die Begriffsentwicklung zum heutigen modernen Spektrumsbegriff nachvollziehbar. Zum anderen sind diese Begriffe weiterhin im Umlauf. Die aktuelle Konzeptualisierung geht wie gesagt von einem Spektrum aus. Auch das findet natürlich seinen Platz in diesem Kapitel. In allen drei Kapiteln werden auch mögliche Ursachen oder Erklärungsmodelle beschrieben. Besonders interessant fand ich hier das Unterkapitel zu Konnektivitätsmustern im Hirn bei Autismus im Vergleich zu ‚holistischen‘ Konnektivitätsmuster. Auch, wenn das ein Kapitel ist, für das man einen gewissen Grad an Wachheit mitbringen sollte.
Zum Ende des Buches setzt sich der Autor kritisch mit dem psychiatrischen Störungsbegriff auseinander. Ab wann ist es sinnvoll bei Neurodivergenzen den Störungsbegriff zu verwenden und ab welchem Grad wird es schädlich Neurodivergenz als Normvariante zu definieren? Ab wann befinden wir uns in einer Pathologisierung oder Psychiatrisierung der Gesellschaft und ab wann wird die Teilhabeeinschränkung, die Neurodivergenz mit sich bringen kann, verharmlost? Hier wird nochmal deutlich, dass sich das Buch an ein (diagnostizierendes und behandelndes) Fachpublikum richtet.
Es finden sich im letzten Unterkapitel Denkansätze für die diagnostische und therapeutische Praxis, welche durch das im Buch vorgestellte Verständnis von Autismus, ADHS und Tics angestoßen werden sollen: Werden diese Neurodivergenzen als Normvariante begriffen, ergibt sich daraus, dass keine Behandlungsindikation besteht. Oder anders gesagt: Nicht jede neurodivergente Person leidet unter ihrer Neurodivergenz. Das ist immer auch abhänig von der Umgebung und sozialen Gruppe, in der sich eine Person bewegt. Ich lese aus diesem Kapitel jedoch auch heraus, dass die Diagnostik eines Autismus oder einer ADHS unabhängig von einer Behandlungsnotwendigkeit sinnvoll ist, da die betreffende Person so die Möglichkeit hat, Anpassungen im Leben vorzunehmen, die den neurodivergenten Besonderheiten Rechnung tragen. Oder um es mit den Worten des Autors zu sagen: „der 1,60 m große Mann, der sich den Basketball zu seiner Lieblingssportart erwählt, sollte wissen, dass er mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht besonders erfolgreich in dieser Disziplin wird.“ (S. 212).
Fazit: Autismus, ADHS und Tics
Wer recht nüchterne Informationen zu den Diagnosebildern Autismus, ADHS und Tic-Störungen sucht und vor Fachsprache nicht zurückschreckt, der könnte mit diesem Buch gut bedient sein. Zugegeben: Wenn man nicht zur diagnostizierenden und behandelnden Fachkreisen gehört, dann ist diese Lektüre schon eher was für Nerds, die es genau wissen wollen. Zumindest genau, was die aktuellen Diagnosekriterien von DSM-V und ICD-11 anbetrifft.
Besonders gut fand ich die Unterscheidung und Abgrenzung zwischen dem Verständnis der Begriffe als Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrisches Bild. Was mir klar fehlt ist ein Unterkapitel zu den unter Umständen bestehendene geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Autismus und ADHS und das weibliche (oder gar Trans*-) Personen anhand der (doch eher männlich orientierten Kriterien) oft nicht richtig in die Diagnosekriterien passen.
Angaben zum Buch:
Ludger Tebartz van Elst. (2023). Autismus, ADHS und Tics. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. Verlag: Kohlhammer
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