ADHS & Autismus: Überdiagnostiziert oder immer noch übersehen?

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„Haben wir nicht alle ein bisschen ADHS?“

„Sind wir nicht alle mal gestresst?“

„Na, kickt dein Alltagsautismus wieder?“

Würden wir für jeden solcher und ähnlicher Sätze einen Euro bekommen, wenn wir ihn hörten, dann könnten wir damit sicherlich eine Reihe unserer Impulskäufe und/oder Spezialinteressen finanzieren. Fakt ist: Die Symptome, welche das jeweilige Syndrom ausmachen, kommen auch bei neurotypischen Menschen vor. Jeder Mensch ist mal vergesslich, verlegt Dinge, kauft sich irgendwas Unnützes aus einer Laune heraus. Manche Menschen sind flexibler bzw. spontaner und andere können mit kurzfristigen Veränderungen nicht so gut umgehen. Alle haben schonmal irgendeine unliebsame Aufgabe vor sich hinprokrastiniert oder mal mit irgendwas in den Fingern herum genestelt, wenn sie nervös waren. Der Unterschied liegt in der Häufigkeit und Intensität der Symptomausprägung. Nur weil du stinkig bist, dass der Ausflug nun nichts ins Kino, sondern ins Schwimmbad geht, hast du keinen Autismus und nur weil du mal deine Brille verlegst, hast du noch kein ADHS. Und es ist auch eher mittel-witzig sowas von sich zu geben. Denn solche Aussagen ignorieren schlichtweg den zum Teil erheblichen Stress und Teilhabeeinschränkung und Verminderung der Lebensqualität die damit einhergeht.

Die Präsenz der Themen auf allen möglichen Social Media Kanälen haben sicherlich ihren Anteil an einer Ent-Stigmatisierung der beiden Begriffe ADHS und Autismus. Im Großen und Ganzen finde ich die Präsenz des Themas dort auch sehr gut. Immerhin habe ich mir dort selbst sehr viele Informationen geholt und war (und bin weiterhin) dankbar für die Erfahrungsberichte, die dort geteilt werden. Aber es ist auch wirklich einiges an Schrott dabei. Insbesondere was ADHS angeht. Es hat nicht jede:r ADHS. Manche „Symptome“ sind schlichtweg menschlich. Und wenn wir schon dabei sind: Ich persönlich bin auch kein besonderer Fan davon, ADHS oder Autismus als Superkraft zu propagieren. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass meine „Superkraft“ Grübeln über (schlecht verlaufene) Unterhaltungen von vor 20 Jahren ist und zwar stundenlang. Als ob ich da heute noch irgendwas dran ändern könnte.

Worauf will ich hinaus? In Anbetracht der Präsenz in Sozialen Medien könnte man den Eindruck gewinnen, dass ADHS und Autismus überdiagnostiziert würde. Da die Symptome im Kern ja zum menschlichen Verhaltensspektrum gehören sind und psychiatrische Diagnostik ohnehin kaum über absolute Marker wie Blutwerte oder Röntgenbild funktioniert, kann nach außen der Eindruck entstehen, dass die Diagnostik nicht zuverlässig sei. Natürlich kann man die Diagnostik verfälschen, indem man die Fragebögen so ausfüllt, dass die Diagnosekriterien erfüllt werden. Aber nur, weil es einzelne Personen gibt, die sich eventuell so verhalten um eine Diagnose zu erhalten, sind nicht zwingend die Diagnoseverfahren schlecht.

Und dennoch: Für die Diagnostik von ADHS und Autismus ist Fachexpertise möglich. Ein Fragebogen zur Selbsteinschätzung reicht nicht aus um eine fundierte Diagnose zu stellen. Nur mit Blick auf ADHS oder Autismus zu testen, ohne eine vernünftige Differentialdiagnostik ist ebenso ein fachlicher Fehler. Hat die diagnostizierende Person die erforderliche Fachexpertise (vor allem im Erwachsenenbereich nicht selbstverständlich) erlangt und auch eine umfassende Diagnostik (mit Fragebögen zur Selbst- und Fremdbeurteilung, (halb-)strukturierten Interviews und klinischer Einschätzung) erhoben, dann sollten wir davon ausgehen, dass die Diagnose korrekt gestellt wurde. Immerhin glauben wir ja auch unserem Hausarzt, wenn er uns nach klinischer Einschätzung aber ohne weitere Tests ein Antibiotikum für unseren grippalen Infekt verschreibt.

Jetzt wird es wissenschaftlich….

Aber wie ist das denn nun? Werden ADHS und Autismus häufiger diagnostiziert als früher? Wird eher zu viel oder eher zu wenig diagnostiziert? Hierzu habe ich in verschiedene Studien reingeschaut und versucht, dass einigermaßen übersichtlich zusammenzufassen:

Nach einem der aktuellen Diagnosesysteme (DSM-5) sind etwa 2,5 % der Erwachsenen und rund 5 % der Kinder und Jugendlichen von ADHS betroffen, wobei die Diagnose bei Jungen etwa viermal häufiger gestellt wird. Entgegen früherer Annahmen gilt ADHS heute nicht mehr als Diagnose, welche sich „verwächst“ sondern als lebenslang bestehende Symptomatik. Allerdings verändert sich die Symptomatik im Erwachsenenalter und die körperliche Hyperaktivität tritt bei ADHS zum Beispiel häufig in den Hintergrund. Mir persönlich bleibt dabei aber unklar, warum die berichteten Prävalenzen im Erwachsenenalter dennoch niedriger ausfallen.

Für Autismus wird eine Prävalenz von etwa 1 % (also 1 von 100 Personen ist Autist:in) angenommen, mit einem Geschlechterverhältnis von etwa 2–3 Jungen zu einem Mädchen. Diese Zahlen passen immerhin zu den (zugegebenermaßen älteren) Langzeitdaten aus Schweden aus 2013. Die Autoren konnten aufzeigen, dass zwischen 1990 und 2010 die Diagnoseraten für ADHS (von 0,1 % auf 2,7 %) und Autismus (von 0,3 % auf 1,3 %) deutlich anstiegen, wobei der Zuwachs bei ADHS stärker ausfiel. Und obwohl die gleichzeitige Diagnose von ADHS und Autismus damals noch ungewöhnlich war, erhielten immerhin 14 Patienten beide Diagnosen.

Ein systematisches Review aus 2025 (Vergleich von 40 Studien aus 17 Ländern mit Daten aus dem Zeitraum 2020–2024) untersuchte Veränderungen der Prävalenz (Erkrankungsfälle) und Inzidenz (Neudiagnosen) von ADHS vor, während und nach der COVID-19-Pandemie. Die Prävalenzschätzungen bei Kindern und Jugendlichen variierten zum Teil stark zwischen den einzelnen Studien und viele Studien wiesen eine eher geringe Studienqualitität auf (was die Aussagekraft beeinträchtigt). Die Prävalenzschätzungen für Kinder und Jugendliche in den höherwertigeren Studien schwankten zwischen 10,5 % in den USA vs. 3,2 % in Schweden. Für Erwachsene lag lediglich eine qualitativ bessere Studie vor, die eine Prävalenz von 1,4 % in Schweden berichtete (was deutlich unter den oben angenommen 2,5 % ADHS-Prävelenzen für Erwachsene liegt). Insgesamt fanden die Autoren des Reviews keine Hinweise auf einen generellen Anstieg der ADHS-Prävalenz von vor bis nach der Pandemie, wohl aber pandemiebedingte Schwankungen. Auffällig war auch ein signifikanter Abfall der Anzahl von Verschreibung von ADHS-Medikamenten in 2020, gefolgt von einem Anstieg in 2021 über das voherige Niveau hinaus. Diese Effekte werden mit Lockdowns und eingeschränktem Zugang zur Gesundheitsversorgung während der COVID-19 Pandemie sowie Verlust von Copingstrategien durch starke Veränderung von Routinen, Arbeits- und Sozialleben erklärt. Ebenso zeigte sich eine steigende Nachfrage nach ADHS-Diagnostik mit längewerdenden Wartelisten, insbesondere im Erwachsenenalter. Die Autoren stellen fest, dass höhere Prävalenzraten vor allem dann auftraten, wenn ausschließlich Fragebögen eingesetzt wurden ohne zusätzlich ein diagnostisches Interview durchzuführen. Damit wären wir dann auch wieder beim Punkt von oben: Eine umfangreiche Diagnostik (über reine Fragebögen hinaus) ist essentiell.

Neuere Studienergebisse aus 2025 weisen auf eine deutliche Komorbiditätsraten zwischen ADHS und Autismus hin. In einer Stichprobe von 300 neurodivergenten Erwachsenen (ohne intellektuelle Einschränkungen) hatten 58 % der Probanden eine ADHS-Diagnose, 27 % eine Autismusdiagnose und 19,3 % hatten beide Diagnosen (AuDHS). Ca. 25 % der Personen mit ADHS erfüllten dabei auch die Kriterien für Autismus, während 46 % der Personen mit Autismus zusätzlich die Kriterien für ADHS erfüllten. Die Autoren weisen auf eine vergleichweise häufig sehr späte Diagnostik bei AuDHS (Autimus und ADHS) hin. Dies führten die Autor:innen zurück auf die starke Überlappung der Symptomatik von ADHS und Autismus, wodurch sich Symptome gegenseitig maskieren oder kompensieren können.

Hinweise auf eine Unterdiagnostik von ADHS und Autismus im psychiatrischen Setting zeigen sich in einer pakistanischen Studie aus 2019. In einer Stichprobe von 1.889 erwachsenen Patient:innen einer psychiatrischen Klinik erfüllten 12,5 % im Screening-Fragenbogen die Diiagnosekriterien ür Autismus und 13,5 % die Kriterien für ADHS. Nach anschließenden klinischen Interviews erhielten lediglich 8,6 % eine Autismusdiagnose, 11 % eine ADHS-Diagnose und zehn Personen (0,5%) beide Diagnosen. Dies zeigt, wie wichtig eine mehrdimensionale Diagnostik ist und man sich im diagnostischen Prozess nicht ausschließlich von Fragebögen leiten lassen sollte.

Diesen Ergebnissen (mit recht hohen Prävalenzen für ADHS und Autismus im klinischen Setting) gegenüber stehen Zahlen aus 2022 zur Entwicklung der Diagnoseprävelenz psychischer Störungen (2024) in Deutschland: Neben depressiven Störungen (13,9 %), Angststörungen (6,7 %), substanzbezogenen Störungen (7,5 %), PTBS (0,9 %) und Störungen aus dem schizophrenen/wahnhaften Formenkreis (0,9%) tauchen ADHS und Autismus erst gar nicht auf. Und das ist doch schon erstaunlich, wenn man weiß, dass ADHS und Autismus doch zum Teil deutliche erhebliche Komorbiditäten mit u. a. depressiven Störungen, Angststörung oder Substanzkonsumstörungen aufweisen. Die vergleichsweise hohen Anteile aus der pakistanischen Studie (2019) im Kontrast zur Entwicklung der Diagnoseprävalenz in Deutschland (2022) lassen mich doch stark vermuten, dass ADHS und Autismus in der psychiatrischen Praxis häufig nicht erkannt und schlimmstenfalls nicht einmal mitgedacht werden und stattdessen anderen psychiatrischen Störungsbildern zugeordnet werden.

Fazit: Werden ADHS und Autismus über- oder unterdiagnostiziert?

Nun sind die Zahlen mit Bezug auf die Allgemeinbevölkerung (zur Erinnerung: 2,5% ADHS; 1% Autismus bei Erwachsenen) nicht direkt vergleichbar mit den Daten aus psychiatrischen Settings (11% ADHS; 8,6% Autismus). Dennoch weist die Studienlage in der Zusammenschau darauf hin, dass wohl eher nicht die Gefahr besteht, dass wir jetzt plötzlich alle ADHS haben oder dass die Gesellschaft autistischer wird. Ganz im Gegenteil: Die Daten lassen Rückschlüsse zu, dass im Bereich der neurodivergenten Syndrome aka Autismus und ADHS schon immer unterdiagnostiziert wurde und auch weiterhin wird. Insbesondere in der Erwachsenenpsychiatrie scheint wenig Sensibilität für Neurodivergenz zu bestehen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Diagnosen ADHS und Autismus im Erwachsenenalter erst gar nicht in einer Übersicht zu Diagnoseprävelenzen benannt werden.

… und von all den Frauen und Trans*Personen, die jahrelang nicht erkannt wurden, da die Diagnostikinstrumente und Fragebögen doch sehr „männlich“ ausgerichtet sind, habe ich dann noch nicht angefangen. Das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Quellenübersicht:

Martin et al. (2025). The changing prevalence of ADHD? A systematic review. Journal Of Affective Disorders, 388, 119427. doi: 10.1016/j.jad.2025.119427

Nylander et al. (2013). Attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) and autism spectrum disorder (ASD) in adult psychiatry. A 20-year register study. Informa Healthcare, 344-350. doi: 10.3109/08039488.2012.748824

Pehlivanidis et al. (2025). Self-reported symptoms of attention deficit hyperactivity disorder (ADHD), autism spectrum disorder (ASD), and affective lability in discriminating adult ADHD, ASD and their co-occurrence. BMC Psychiatry, 25, 391. doi: 10.1186/s12888-025-06841-0

Khan et al. (2019). Prevalence of Autism Spectrum Disorders (ASD) and Attention Deficit Hyperactivity Disorders (ADHD) among adult psych. Pakistan Armed Forces Medical Journal, 69 (2) 419-423.

Thom et al. (2024). Entwicklung der Diagnoseprävelenz psychischer Störungen. Deutsches Ärzteblatt, 121 (11).

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