Buch: „Dein Workbook gegen Kopfchaos“

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Buchdeckel: Dein Workbook gegen Kopfchaos

Das Workbook richtet sich an neurodivergente Menschen. Explizit werden dabei ADHS und Hochsensibilität genannt. Implizit empfinde ich jedoch Autismus ebenso angesprochen. Ziel des Ratgebers ist es der lesenden Person Strategien und Methoden an die Hand zu geben um mit Verhaltensweisen, die man bei sich selbst als schwierig erlebt, zukünftig vielleicht besser oder zumindest anders umzugehen. Dafür nimmt die Autorin Katharina Schön einen an die Hand, um sich zunächst erstmal selbst etwas besser kennen zu lernen, bevor es dann Richtung Intervention und Veränderung geht.

Das Buch beginnt mit einer Einordnung der verschiedenen Begrifflichkeiten (Neurodivergenz, ADHS. Hochsensibilität) und – was ich persönlich ganz toll fand – einer Einordnung von Person-First- vs- Identity-first-Language. Also: Wird die Person sprachlich vor das Merkmal gestellt (z. B. Mensch mit xy) oder wird die Identität, bzw. das Merkmal zuerst genannt?

Dann geht es weiter mit einer Erklärung wie ein ADHS-Gehirn im Vergleich zu einem Neurotypischen aufgebaut und es gibt natürlich einen „Selbsttest“. Den hätte es meiner Meinung nach nicht unbedingt gebraucht, aber er schadet auch nicht. Spannend fand ich persönlich das Herausarbeiten des eigenen ADHS-Spektrums und die Erkenntnis, dass sich die ADHS-Symptome je nach Situation (Job, Freizeit, Familie) durchaus auch unterschiedlich ausgeprägt zeigen können. Ich fand die Anleitung zum Erstellen des eigenen Spektrums aber nicht so richtig selbst erklärend. Hier hätte ein wenig mehr Anleitung (für mich) nicht geschadet. Aber am Ende konnte ich mir was zusammen basteln.

Den Teil zur Hochsensibilität habe ich interessiert zur Kenntnis genommen, konnte selbst aber nur wenig davon für mich nutzen. Auch hier gibt es wieder einen Selbsttest. Aber sind wir mal ehrlich: Wenn ich nicht bereits einen Selbsttest irgendwo im Internet gemacht hätte und vermuten würde, neurodivergent zu sein, dann würde ich mir das Buch doch gar nicht kaufen. Jedenfalls…. Kapitel Hochsensibilität. Ich habe mich hier sicherlich wiedergefunden mit sensorischen und auditiven Empfindlichkeiten und schneller Überlastung durch Reize, aber das blieb mir beim Verdacht auf eine autistische Symptomatik dann doch eher zu oberflächlich.

Ich hänge zugegebenermaßen noch im Kapitel Inventur, Stress und Emotionen und lerne mich gewissermaßen erstmal kennen. Ich werde also noch eine Weile mit dem Buch arbeiten, weil ich das jeweils nur in kleineren Häppchen bearbeiten kann. Aber das finde ich auch sehr schön daran: Man kann alles nacheinander bearbeiten oder aber Themen raus suchen, die einen gerade besonders interessieren. Es geht um grundlegende Themen wie: Eigene Bedürfnisse erkennen. Welche Werte habe ich und was stresst mich? Und wer hätte es gedacht: Wenn deine Bedürfnisse nicht erfüllt werden und deine Werte (absichtlich oder unabsichtlich) verletzt werden, dann setzt dich das unter Stress! Also geht es natürlich auch um Umgang mit Stress. Einige neurodivergente Menschen haben Probleme ihre Gefühle zu bennenen (Alexithymie). Hier gibt es auch eine – wie ich finde – ganz zauberhafte Emotionsanalyse-Liste.

Bei den Strategien findet sich einiges zum Umgang mit Prokrastination, also Anti-Aufschiebe-Tools. Für mich ein Themenbereich, in dem ich mit (manchmal allzu starren) Routinen und Abläufen eher am Überkompensieren bin. Aber oft auch wenig zielführend und mega erschöpfend. Für viele ADHSler ist Aufschieben ein großes Thema, bei dem schon viel ausprobiert wurde. Super also, dass unter diesem Punkt mehrere Strategien beschrieben werden (z. B. SMART-Methode um erreichbare Ziele zu definieren oder die Busy-Bee-DnD-Methode für das leidige Thema Haushalt). Während dieser Teil eher defizitorientiert ist, bin ich besonders neugierig auf den letzten Teil, der sich dann auf Ressourcen und Stärken fokussiert: Was macht deine Neurodivergenz aus? An welchen Stellen bietet sie dir vielleicht auch Vorteile gegenüber einer neurotypischen Gesellschaft? Zu diesem Teil kann ich aber noch gar nichts weiter sagen.

Das Buch gibt einem nicht direkt eine Gebrauchsanweisung für die eigene Neurodivergenz, man erarbeitet sich die Gebrauchsanweisung für sich selbst mit Hilfe des Buches selbst.Ich sehe eine große Chance darin mit dem Workbook mir selbst ein Stückchen näher zu kommen, ein bisschen mehr Verständnis für mich zu entwickeln und dann auch im großen und Ganzen etwas sanfter zu mir sein zu können.

Die Begriffseinordnung zu Beginn und der geringe Tiefgang bei der Definition von ADHS und Hochsensibilität empfand ich persönlich als erfrischend kurz, wobei alles relevante aber dennoch genannt wird. Der Fokus liegt klar auf praktischer Arbeit an und mit sich selbst und nicht auf der Vermittlung von theoretischem Wissen über Neurodivergenz. Das Workbook ersetzt sicherlich keine Therapie. Zur Überbrückung bis ein Therapieplatz gefunden ist oder ergänzend zu einem therapeutischen Setting ist das Workbook sicherlich eine gute Ergänzung.

Fazit: „Dein Workbook gegen Kopfchaos“ von Katharina Schön

Wer umfangreiche Fakten zur ADHS und Autismus sucht, ist mit einem anderen Buch sicherlich besser beraten. Die Wichtigsten Dinge werden meines Erachtens jedoch benannt. In dem Workbook geht es ganz klar viel eher um Strategien und Methoden von Neurodivergenten für Neurodivergente. So kurz wie die Begriffsklärungen ausfallen, fallen jedoch auch die Anleitungen zu den Übungen aus. Da hätte ich mir an einigen Stellen noch mehr Anleitung oder Beispiele gewünscht. Denn so braucht es schon eine ganze Menge kognitiver Energie (und die fehlt ja mitunter auch öfter mal).

Hier gehts lang zur Webseite der Autorin: https://www.guardianofmind.com/

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