
Kalt. Wie eingefroren. Computer Crash. Unfähigkeit sich zu bewegen, zu denken oder zu sprechen.
So beschreiben Betroffene einen Shutdown (Paris et al., 2025). Doch was genau bedeutet das nun: Shutdown?
Wer sich auf die Reise begibt, um sich mit dem Themen Neurodivergenz, ADHS und Autismus zu befassen, der sieht sich rasch mit vielen neuen Vokabeln konfrontiert. Selbst wenn man thematisch irgendwas in dem Bereich studiert hat: Es gibt einige neue Vokabeln. Mir jedenfalls waren die Vokalen Meltdown und Shutdown ziemlich neu.
Der Meltdown ist vielleicht eher noch bekannter, weil nach außen hin oftmals auffallend. Immerhin werden hier Emotionen nach außen hin sichtbar durch z. B. heftiges Weinen oder Wutanfälle. Für Außenstehende wirkt die Reaktion dabei oft übertrieben, da nicht nachvollziehbar ist, wie sich die Anspannung bzw. der Meltdown von innen aufgebaut hat.
Der Shutdown dagegen dürfte weniger bekannt sein. Vielleicht auch – wenn man es ein wenig spitz formulieren möchte – weil der Shutdown die Außenwelt nicht so sehr stört. Nicht selten verläuft er (von außen betrachtet) unauffällig. Betroffene ziehen sich zurück, sind nicht mehr erreichbar. Im Innern der Betroffenen ist der Shutdown höllisch anstrengend. Shutdowns sind aber vor allem auch deshalb schwer zu beschreiben, weil sie sehr unterschiedlich aussehen können. Eine Studie von Paris et al. (2025) hat versucht Gemeinsamkeiten in der Beschreibung von Shutdowns von Betroffenen zu finden. Die Kernaussagen der Studie habe ich in eine Übersicht gepackt

Ein Shutdown ist im Grunde zu verstehen wie eine Notabschaltung des Hirns mit dem Ziel das Individuum zu schützen. Ähnliches passiert auch bei dissoziativen Zuständen, bei denen es im Unterschied zu Shutdowns jedoch darum geht, dass Individuum und dessen Psyche vor den überwältigenden Erinnerungen und Gefühlen einer traumatischen Erfahrung zu schützen. Der Shutdown dagegen erfüllt die Funktion, das Individuum vor weiteren Reizen zu schützen, die nicht mehr verarbeitet werden können. Zum weiteren Verständnis ist es sicherlich wichtig, sich noch einmal bewusst zu machen, dass neurodivergente Personen einen anderen Reizfilter und eine andere Reizverarbeitung haben. Im Hirn neurotypischer Menschen wird automatisch zwischen wichtig und unwichtig unterschieden. Es werden (überwiegend) nur Informationen weiter ins Bewusstsein geliefert, die für die Situationsbeurteilung und Handlungsplanung notwendig sind. Bei ADHS und Autismus funktioniert diese automatische Bewertung nicht und die Reize und Informationen werden gewissermaßen von Hand sortiert und bewertet. Das Gespräch am Nebentisch wird genauso wenig ausgeblendet, wie der Mensch, der die ganze Zeit mit einem Löffel spielt, der Hund der am Fenster vorbeiläuft und der Wasserhahn der irgendwo tropft. Von der dudelnden Musik im Laden, den hupenden Autos auf der Straße und „oh mein Gott, warum kratzt denn das Schild im Pulli heute wieder so?!“, haben wir dann noch nicht mal angefangen. Und dem Gespräch mit meinem Kaffeedate muss man ja auch noch zuhören.
All diese Reize wahrzunehmen, zu sortieren in wichtig oder unwichtig, zu entscheiden, welche Information ich in der aktuellen Situation gerade brauche und welche für meine weitere Handlungsplanung relevant ist: Das kostet immens viel Energie. Die Quellen für Stressoren/Reize lassen sich unterteilen in a) sensorische Reize (Wie fühlt sich die Kleidung auf der Haut an?), b) soziale Reize (In welcher Beziehung stehe ich zu meinem Gegenüber? Welchen Platz habe ich in der Gruppe?), c) Informationen oder d) emotionaler Stress (Familie, Beziehung, Kinder… your choice!). Eine soziale Interaktion mit einer einzigen Person kann alle Reizquellen, alle Stressoren auf einmal abdecken. Egal ob neurotypisch oder neurodivergent: Wir haben alle nur eine begrenzte Kapazität. Bei neurodivergenten Menschen ist diese Grenze jedoch früher erreicht und neurotypische Menschen haben sich nach einem Mittagsschlaf häufig schon wieder regeneriert. Übersteigen die einströmenden Reize bei Autist:innen die Verarbeitungskapazität über einen gewissen (unterschiedlich langen) Zeitraum, dann kann das in einem Shutdown enden.
Wenn man bedenkt, dass Autist:innen – wie oben beschrieben – alle Reize per Hand sortieren und bewerten müssen und auch weiß, dass Autist:innen in der Regel einen beträchtlichen Aufwand leisten um sich tagtäglich an die Welt darauf anzupassen um zu funktionieren und ein Teil von ihr zu sein (Masking), dann wird auch deutlich, dass auch das alltägliche Masking zu einem Shutdown führen kann. Ein Shutdown geht in der Regel einher mit intensiven negativen Gefühlen und Kontrollverlust bis hin zur Unfähigkeit auf die Umgebung zu reagieren. Der Shutdown selbst wird dabei als erschöpfender Zustand erlebt, der alle Energie und mentalen Ressourcen zieht, bis er endlich vorbei ist. Ist der Shutdown vorbei, benötigen die meisten Personen einige Zeit allein um sich zu erholen und wieder Energiereserven aufzubauen. Das kann mehrere Tage oder aber auch Wochen dauern.
Shutdowns sind unter Umständen von außen gar nicht erkennbar, weil sie ’still‘ ablaufen können. Viele Betroffene ziehen sich zurück und sind gar nicht mehr greifbar für Andere. Es macht die Sache auch nicht einfacher, dass Shutdowns in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftreten. Um ein wenig ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich ein Shutdown im Allgemeinen beschreiben lassen könnte, haben Paris et al. (2025) mehrere Betroffene befragt. Häufig wurde ein Shutdown beschrieben als kalter Zustand oder wie eingefroren. Viele haben beschrieben, dass die verbale Kommunikation dabei z. T. erheblich eingeschränkt ist, bis hin zur kompletten Sprachlosigkeit (Mutismus). Für einige ist dabei jedoch noch schriftliche Kommunikation möglich, während verbale Sprache ein unmögliches und unüberwindbares Hindernis zu sein scheint. Ein Proband hat die Mühen, die es kostet, einen Satz zu sprechen verglichen mit dem Energieaufwand, den es für einen 1-Meile-Sprint benötigt. Wieder andere Betroffene haben beschrieben, dass es Ihnen unmöglich sich, sei zu bewegen, zu denken oder zu weinen. Als ob Hirn und Körper nicht richtig funktionieren (einige fanden den Begriff ‚Computer Crash‘ dafür passend).
Zusammengefasst ist ein Shutdown ein unglaublich anstrengender und energieraubender Zustand, der in der klinischen Bewertung auch mit einer depressiven Episode verwechselt werden kann. Während es bei einer depressiven Episode aber hilfreich sein kann, sich mit Freunden zu verabreden oder einen Spaziergang zu machen, kann das im Shutdown absolut kontraproduktiv sein. Was es im Shutdown tatsächlich braucht ist Ruhe und Reduktion der Anforderungen.
Hier gehts nochmal zur Studie: https://doi.org/10.1089/aut.2024.0193
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