Buch: Autistisch? Kann ich fließend!

,

Die Autorin Stephanie Meer-Walter ist selbst spät-diagnostizierte Autistin und mit vielem was sie in ihrem Buch Autistisch? Kann ich fließend! schreibt, kann ich relaten. Was mir direkt zu Beginn besonders gut gefallen hat, ist die Aktualität. Sie nimmt Bezug auf das aktuelle Diagnose- und Klassfikationsystem (ICD-11) und wie Autismus dort definiert wird bzw. was die Diagnosekriterien sind. Im weiteren Verlauf verwebt sie geschickt ihre eigenen Erfahrungsberichte mit der wissenschaftlichen Studienlage. Klar, sind bei der wissenschaftlichen Studienlage auch einzelne Klassiker aus dem vorigen Jahrhundert dabei. Im Großen und Ganzen sind die verwendeten Studien aber aus den letzten zehn Jahren und damit ziemlich aktuell. Uneingeschränkt empfehlen, kann ich das Buch aber trotzdem nicht.

Aufbau & Inhalt des Buches

Den Aufbau des Buches finde ich persönlich ziemlich logisch und passt (zumindest bei mir) im Groben zu den Entwicklungsschritten, die man mit einer späten Diagnosestellung so durchmacht. Begonnen bei der Auseinandersetzung mit der Diagnose und wie das nun auf das eigene Leben passen soll, gefolgt von der Diskussion um die Begriffe Krankheit, Störung und Neurodivergenz als Normvariante. Weiter gehts dann mit der Reizwahrnehmung nund schnellen Reizüberflutung und logisch aufbauend darauf folgt ein Kapitel zur Unterscheidung der Begriffe Overload, Shutdown und Meltdown. Für mich persönlich war das übrigens im letzten halben Jahr einer der größeren AHA-Momente zu verstehen, dass ich bereits mein ganzes Leben mit Overload, Meltdowns und Shutdowns zu kämpfen hatte, die mich zuerst zu einem schwierigen Kind und später zu einer schwierigen Jugendlichen gemacht haben und dann auch zu einer erwachsenen Person, die sich selbst als schwierige Person erlebt (hat). Jetzt habe ich immerhin Namen für diese Zustände, auch wenn ich noch keinen wirklich guten Umgang damit gefunden habe….

Im Buch gehts dann nach Reizen und ‚alles zuviel‘ weiter mit Stimming. Für mich an dieser Stelle irgendwie überraschend. In meiner Logik hätte ich Stimming thematisch vor Overload, Meltdown und Shutdown gelegt. Die Autorin verfolgte jedoch eine andere Idee und hat das Kapitel dazu passend auch Frühwarnsysetm Stimming benannt. Und jetzt, wo ich drüber schreibe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Klar! Stimming ist ja eben nicht nur selbst-stimulierendes Verhalten um mit einem Anspannungszustand oder ähnlichem umzugehen. Sondern kann eben auch ein Frühwarnzeichen dafür sein, dass man einem Meltdown oder Shutdown sehr nah ist um dann entsprechende Schritte einzuleiten! Nachdem das nun geklärt ist, widmet sich die Autorin nun den Wahrnehmungsbesonderheiten von Autist:innen, was Spezialinteressen sind und welche Bedeutung sie haben können und warum Regeln und warum Rituale und Routinen so wichtig (naja zum Teil schon fast essentiell) sind.

Sprache, Kommunikation & Empathie werden natürlich auch eigene Kapitel gewidmet, ebenso wie der schnelleren Erschöpfbarkeit, häufigen Komorbiditäten und was das alles eigentlich mit dem Selbstwert machen kann. Als ich hier dann angekommen war, merkte ich beim Lesen, wie mir so langsam die Luft ausging und ich war gar nicht sicher, ob ich das Buch zu Ende lesen wollte. Ich blätterte aber tapfer weiter und wurde dann beim Kapitel über Autistinnen (aka ‚weiblicher Autismus‘) wieder etwas wacher. Und irritierter. Völlig verwirrt war ich dann im Kapitel Gender und Sexualität…. Dazu gleich noch mehr.

Subtypisierungsversuche von weiblicher vs. männlicher Autismus, während plötzlich einfällt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt bzw. warum ich verwirrt bin.

Ja, eine längere Überschrift wollte mir nicht einfallen. Da müssen wir jetzt gemeinsam durch!

Während ich also bis zum Kapitel über Autistinnen im gesamten Buch durchgängig entweder von weiblichen oder männlichen Personen die Rede war, vermisste ich alle Formen von trans*1– Identitäten. Oder überhaupt irgendein Zeichen, dass es mehr als Männer und Frauen gibt. Mit dem Einstieg ins Kapitel über Autistinnen erwartete ich also irgendwie, dass hier nun zumindest mal andere Identitäten benannt würden. Naja was soll ich sagen: Ich wurde enttäuscht. Aber heftig. Das ganze Kapitel wirkt leider mehr wie Autisten sind so und Autistinnen sind anders. Als könne man mehr oder weniger klar zwischen den Subtypen männlicher Autismus und weiblicher Autismus unterscheiden.

Nach dem Kapitel über den vermeintlich weiblichen Autismus war ich überzeugt davon ein Buch einer Autorin vor mir zu haben, die entweder noch nie in ihrem Leben Kontakt zu trans*-Geschlechtsidentitäten hatte oder aber das Konzept völlig ablehnte und deshalb durch konsequente Nicht-Nennung die Existenz absprach. Umso verwirrter war ich, als ich dann zum Kapitel Gender und Sexualität kam: Die Autorin identifiziert sich selbst als non-binär und schreibt: „Ein offener Umgang mir Gender und Sexualität ist wichtig … . Es gibt mehr als nur Mann und Frau und deren gegenseitige Anziehungskraft.“ Ja! Das unterschreibe ich zu 100 Prozent! Aber warum findet das denn keinen Platz im restlichen Buch, wenn ihr der offene Umgang damit so wichtig ist, um Stigmatisierung zu begegnen und selbstbestimmten Umgang zu ermöglichen? Warum wird im gesamten Buch außerhalb dieses einen Kapitels so getan, als wären andere Geschlechtsidentitäten ausserhalb von Mann und Frau nicht existent?

Trans*-Identitäten sind real, Autismus-Subtypen nach Geschlecht sind es nicht.

Ich sehe ein, dass eine eine Unterscheidung zwischen Autismus bei Jungen bzw. Mädchen als Überleitung dienen kann um auf die Gender-Data-Gap hinzuweisen. Also die fehlenden wissenschaftlichen Daten für autistische Menschen, die nicht zufällig männlichen Geschlechts sind. Die Autorin hätte das so wunderbar nutzen können um darauf einzugehen, dass die Forschungsdaten für autistische Frauen zwar schon bestenfalls dünn sind, aber für trans*-Personen de facto nicht existenzt sind. Aber sie wählt im Kapitel zu Autistinnen einen anderen Weg und wirft die Frage nach Forderungen zu einer geschlechterspezifischen Diagnostik auf. Das könnte ich zumindest insoweit mitgehen, wenn damit eine geschlechtersensible Diagnostik gemeint wäre, in der sich die diagnostizierende Person darüber bewusst ist, dass die Diagnoseinstrumente überwiegend an und für männlichen Probanden entwickelt und überprüft wurden, was bedeutet, dass alle nicht-männlichen Personen möglicherweise nicht gut mit den vorhandenen Diagnoseinstrumenten erfasst werden können. Die Autorin unterfüttert ihre Gedanken hierzu dann noch mit mutmaßlich grundsätzlichen neuroanatomischen Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Autistinnen. Als ob man Autismus nach Geschlecht subtypisieren könnte und es so einfach sei zwischen männlichem und weiblichem Autismus zu unterscheiden. Wenn man der Idee nun konsequent folgen wollen würde, müsste man dann ja auch Subytpen anderer Geschlechtsidentitäten sprechen: über transfemininen, transmaskulinen und non-binären Autismus. Wird deutlich, wie absurd ich diese Idee der Unterscheidung finde? Anders gesagt: Ich halte eine Unterscheidung von Autismus nach Geschlecht weder für zielführend, noch für hilfreich. Und ein wissenschaftliches Fundament gibt es dafür (meines Wissens) auch nicht.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es total gut, dass es das Kapitel über Autistinnen und über Gender &b Sexualität gibt und hier auch nochmal konkrete Zahlen benannt werden: dass der Anteil an LGBTQ* unter Autist:innen mit über 50 % und über 18 % trans*-Personen doch sehr hoch ist, oder auch dass trans*-Personen im Vergleich zu cis-gender-Personen2 bis zu 4-mal häufiger autistisch seien. Das zeigt meines Erachtens ziemlich deutlich, dass Genderidentität und Autismus ein wichtiges Thema ist. Nicht um anhand des bei Geburt zugewiesenen Geschlechts und der Geschlechtsidentität verschiedene Subtypen von Autismus voneinander zu unterscheiden. Sicherlich aber jedoch um achtsam und sensibel damit umzugehen, dass Gender und Sexualität bei Autist:innen ein wichtiges Thema in der Identitätsfindung (und ja, auch im diagnostischen Prozess) sein können. Frauen und trans*-Personen werden und wurden in der Autismusdiagnostik bislang nicht übersehen, weil sie eine andere Form von Autismus haben, sondern weil die Diagnoseinstrumente vor allem ‚typische Jungs‘ im Fokus hatten und weil Autismus von Beginn an männlich konzipiert wurde. Und weil Mädchen und trans*-Personen oft besser darin sind zu erkennen, welche Verhaltensweisen erwünscht sind und mit welchen sie eher anecken. Denn sowohl für Frauen als auch für trans*-Personen ist es nicht selten überlebensrelevant, genau das zu erkennen. Anders gesagt: Sie sind oft besser im Maskieren als die ‚typischen Jungs‘, an die man bei der Erstellung der Diagnoseinstrumente dachte. Das ändert sich nun zum Glück Stück für Stück.

Meiner Meinung nach, kriegt das Buch ein gutes Zusammenspiel zwischen persönlichem Erfahrungsbericht und fundierter wisschaftlicher Faktenvermittlung hin. Das Buch lässt sich dadurch gut lesen und langweilt weder mit überlangen Abschnitten mit wissenschaftlichen Fakten, aber auch nicht durch seitenlange persönlichen Berichte. Es ist eine gute Mischung aus der man viel mitnehmen kann, auch wenn man selbst schon viele Fakten kennt. Mir hat vor allem die erste Hälfte des Buches mit Meltdown, Shutdown und Frühwarnsystem Stimming persönlich viel gebracht. Und wenn es nur war um bessere Worte für das eigene Erleben zu finden, was sich ja für mich selbst schon nur schwer beschreiben lässt. Und erst recht nicht anderen Menschen.

Das Buch richtet sich eher an spätdiagnostizierte Autist:innen und vielleicht auch eher an eben jene und weniger an An- und Zugehörige. Es gibt wenig bis keine Tipps zum Umgang mit Verhaltensweisen, die für An- und Zugehörige womöglich herausfordernd sein können. Ich persönlich finde das extrem gut so, weil es sonst auch immer ein Geschmäckle von Problemfall hat. Ziel des Buches ist es über Wissensvermittlung mehr Verständnis zu schaffen. Und das klappt gut.

Was mir jedoch komplett fehlt, ist der Blick auf Geschlechter außerhalb männlich und weiblich während andere Geschlechteridentitäten noch nicht einmal lieb mitgemeint sind. Aus meiner Sicht wirkt es dadurch so, als könne man zwischen männlichem und weiblichen Autismus trennen (Nein, kann man nicht). Ich habe mich im oberen Teil hinreichend dazu ausgelassen warum ich das so problematisch finde und das Fehlen dieses Aspektes trübt meinen Blick auf das Buch und ich mag es somit nicht uneingeschränkt empfehlen.

Dennoch: Es ist grundsätzlich ein solides Buch, in dem man sich selbst als spätdiagnostizierte Autistin (und vielleicht auch Autist) wiederfinden kann. Als trans*-Person fehlt einem aber womöglich was und man will vielleicht eher in ein anderes Buch investieren (z. B. dieses hier: Unmasking Autism).

  1. Trans*-Personen: Schließt Menschen alle ein, die sich nicht oder nur teilweise mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren ↩︎
  2. Cis-Gender-Personen: Schließt alle Menschen ein, bei denen die Geschlechtsidentität mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt ↩︎

Kommentare

  1. Sehr interessant. Bezüglich ADHS erlebe ich gerade genau dieselbe Unterscheidung!
    Aber ich würde mich nicht als trans* bezeichnen, auch wenn ich mich nicht als Mann identifiziere. Denn ich will auch keine Frau sein, sondern einfach nur als Mensch behandelt werden. Vielleicht passt non-binär am ehesten zu mir? Aber eigentlich geht es mir nur darum, dass weder ich noch Andere aufgrund ihres Geschlechts bevorzugt oder benachteiligt werden.
    Auch nicht bei der Autismus- oder ADHS-Diagnose.

  2. trans* soll hier als Obergriff verstanden werden für alle Geschlechtsidentitäten, die nicht mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen. Und würden dann auch non-binär oder auch ‚Mensch‘ beinhalten oder eben alles andere ‚dazwischen und außerhalb‘ 🙂

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Div Alpaka

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen