ADHS und der weibliche Zyklus

, ,

Als ob es nicht schon ausreichend wäre sich selbst unter der Überschrift Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom zu verstehen und zu regulieren. Nein. Natürlich hat Mutter Natur sich das auch so überlegt, dass Hormone ebenfalls einen Einfluss auf die ADHS-Symptomatik haben. Was natürlich besonders abwechslungsreich ist, wenn man einen weiblichen Hormonzyklus hat. Oder auch umgekehrt: Selbstredend ist es nicht ausreichend alle ca. 4 Wochen einen Zyklus zu durchlaufen, welche mit der Menstruation abschließt und nicht selten von begleitenden Schmerzen gekrönt wird.

Irgendwann zu Beginn der Pubertät (oft zwischen 11-13 Jahren) legt der weibliche Zyklus los. Es gibt im Grunde zwei Phasen, welche ungefähr gleich lang sind. Der Eisprung liegt zwischen beiden Phasen und ist hormonell sozusagen ein Turning-Point:

  1. Erste Hälfte des Zyklus = Follikelphase. Östrogenkonzentration steigend und um den Eisprung herum stark abfallend. Progesteronlevel sind niedrig.
  2. Zweite Hälfte des Zyklus = Lutealphase. Progesteronkonzentration steigt nach dem Eisprung stark an mit Peak in der mittleren bis späten zweiten Hälfte. Östrogenlevel sind niedrig in dieser Phase.

In der Pubertät ist klassischerweise noch viel Bewegung drin, bis sich der hormonelle Zyklus eingependelt hat und einigermaßen regelmäßig und vorhersehbar funktioniert. Weil zuviel Vorhersehbarkeit im weiblichen Zyklus aber nicht abwechslungsreich genug ist, läuft dieser gut eingespielte Zyklus nur so 15-20 Jahre stabil. Wird man zwischendurch schwanger, kann man sich über höhere Östrogen- und Progesteronlevel freuen, die dann nach Geburt wieder stark abfallen (Stichwort Babyblues in der Woche nach Geburt). Jedenfalls mit Ende 30, Anfang 40 klopft bei vielen Frauen die Perimenopause an. Also die Zeit vor der eigentlichen Menopause. In dieser Phase fangen die Östrogen- und Progesteronlevel wieder an zu schwanken. Im Gegensatz zur Pubertät sinken sie nun aber kontinuierlich, bis sie in der Menopause dann auf niedrigem Niveau stabilisieren (Osilianis et al., 2026). Bis diese Stabilität erreicht ist, dauert es wieder so 8-10 Jahre. Also irgendwie schon wieder Pubertät und Chaosphase. Nur halt später. Yay!

Grundsätzlich sind die weiblichen Hormone und der dazugehörige Zyklus ein wichtiger Baustein von Fruchtbarkeit und Reproduktion. Ohne den Zyklus der Hormone gibt es keinen Nachwuchs. Der Zyklus sorgt dafür, dass in der Gebärmutter alle vier Wochen frisch tapeziert und alles sauber ist, sodass sich eine befruchtete Eizelle dort einnisten und wohlfühlen kann und der Nachwuchs dort wachsen und gedeihen kann. Östrogen und Progesteron spielen hierbei zentrale Rollen im Abriss- und Tapezier-Team. Nun wäre es ja einfach, wenn jedes Hormon nur eine Aufgabe und damit eine Wirkung hätte. So einfach ist es aber natürlich nicht. Die Hormone haben in der Regel mehrere Aufgaben und beeinflussen sich dabei gegenseitig. So haben eben auch Östrogen und Progesteron auch einen Einfluss auf das Dopamin- und Serotoninsystem.

Auf der linken Seite ein rosa Post-it mit den Eigenschaften von Östrogen.
Auf der rechten Seite ein blau-grünes Post-it mit den Eigenschaften von Progesteron. 
Die Eigenschaften sind im Textblock neben dem Bild beschrieben.

Während Östrogen stimulierend auf Dopamin und Serotonin wirkt und die Wiederaufnahme der beiden Neurotransmitter aus dem synaptischen Spalt verzögert (und damit auch den Abbau verzögert), macht Progesteron – vermutlich – eher das Gegenteil. Es wird vermutet, dass es die Signalübertragung von Dopamin hemmt und zusätzlich eine sedierende Wirkung hat (Wynchank & Kooij, 2026).

Wir wissen nun also, dass in der ersten Hälfte des Menstruationszyklus Östrogen dominant ist und in der zweiten Hälfte Progesteron. Wir wissen auch, dass sich das Hormonsystem in der Pubertät mit steigenden und schwankenden Hormonspiegeln erst einpendelt und hormonell dezentes Chaos herrscht. Und ebenso wissen wir, dass nach einer Phase jahrelanger Stabilität mit der Perimenopause erneut die Tor zum Hormonchaos weit aufgestoßen wird, bevor sich auch dieses nach mehreren Jahren wieder beruhigt. Setzen wir dieses Wissen nun zusammen mit dem Wissen darum, dass Östrogen das Dopaminsystem stimuliert und Progesteron das Dopaminsystem mutmaßlich eher hemmt, leuchtet es ja auch komplett ein, warum die ADHS-Symptomatik während des Zyklus schwankt und damit auch die Dosierung von Stimulanzien (Methylphenidat oder Lisdexamfetamin) bzw. die Wirksamkeit der Medikation schwankt.

Dabei ist es keineswegs so, dass nur neurodivergente Personen einen Unterschied ihrer Impulsivität und Hyperaktivität bemerken. Auch neurotypische Personen (also auch ohne ADHS) bemerkten in ihrer Follikelphase (die Phase mit dem höheren Östrogenspiegel) gesteigerte Impulsivität und Hyperaktivität (Wynchank & Kooij, 2026). Logisch! Denn Östrogen stimuliert ja das Dopaminsystem und kurbelt die Dopaminsynsthese an. Wenn ansonsten ausreichend Dopamin vorhanden ist, führt das bei neurotypischen Personen scheinbar zu einem Überschuss an Dopamin. Und der führt (vergleichbar einem Mangel an Dopamin) zu klassischen ADHS-Symptomen, wie eben Hyperaktivität oder Impulsivität.

ADHSler:innen mit Menstruationszyklus erleben vor allem in der späten Lutealphase in der zweiten Zyklushälfte (Stichwort: PMS) eine Verschlimmerung der ADHS-Symptomatik (Osianlis, 2026; Wynchank et al., 2025). Auch das ist wenig verwunderlich: Man geht davon aus, dass Personen mit ADHS grundsätzlich zu wenig Dopamin verfügbar haben. Insofern verbessert sich die Symptomatik unter dem stimulierenden Einfluss von Östrogen und verschlechtert sich dann wieder, wenn dieser Effekt nachlässt. Das zeigt sich auch in der Wirksamkeit von Stimulanzien: Die wirken nämlich bei ADHSler:innen in der ersten Zyklushälfte deutlich besser, da sich die Effekte von Östrogen und Stimulanzien auf den Dopaminhaushalt dann nämlich ergänzen (Wynchank & Kooij, 2026). Eventuell wir der Dopaminspiegel auch nochmals negativ beeinflusst durch den hemmenden Einfluss des Progesteron auf den Dopaminhaushalt. Wenig verwunderlich dann also, wenn ADHSler:innen häufiger von einem prämenstruellen Syndrom (PMS) und auch einer prämenstrueller dysphorischer Störung (PMDS) betroffen sind und natürlich auch ein höheres Risiko haben für perimenopausale Symptome (Boyd et al., 2026; Kooij et al., 2025)4, 5 und auch stärker wahrgenommen werden und länger andauern (Moseley et al., 2026). Darüber hinaus ist ADHS ein Risikofaktor für ungeplante Schwangerschaften sowie Teenagerschwangerschaften, postpartale Depression und unregelmäßige Zyklen (Boyd et al., 2026).

Was bedeutet die hormonelle Umstellung in der (Peri-)Menopause nun für Menschen mit ADHS? Östrogen- und Progesteronlevel nehmen langsam aber stetig ab. Aber natürlich nicht gleichmäßig, sondern schwankend und nicht wirklich gut vorhersehbar. Sonst machst ja keinen Spaß! Weniger Östrogen bedeutet auch weniger stimulierende Wirkung auf Dopamin. Die (Peri-)Menopause sorgt dafür, dass exekutive Funktionen, Kommunikation, Emotionsregulation nicht mehr so gut funktionieren und sensorische Empfindlichkeit ggf. gesteigert ist (Moseley et al., 2026). Also genau jene Bereiche, die auch durch ADHS oder Autismus beeinflusst werden. Wenig verwunderlich, wenn 97,5% von verschlimmerten und 85,1 % sogar von stark verschlimmerten ADHS-Symptomen in der Perimenopause berichten (Osilianis et al., 2026).

Wenn ADHS mit Ende 30/Anfang 40 dann auf die Perimenopause trifft, dann versagen nicht selten Coping-Strategien, die bis dahin gut funktioniert haben (Vigus et al., 2026). Der lebenslange Stress und all die Energie, die investiert wurde um diese Coping-Strategien aufrechtzuerhalten, zollt seinen Tribut. Die Defizite in Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und exekutiver Dysfunktion von Perimenopause und ADHS paaren sich und verschmelzen zu einer unheilvollen Symbiose. Hurra!

Nicht ohne Grund werden Frauen und trans*-Personen mit Menstruationszyklus erst jetzt in der Perimenopause diagnostiziert. Zum einen, weil ADHS bei nicht-männlichen Personen jetzt besser erkannt wird und die Diagnostik sich weiter entwickelt hat. Zum anderen aber eben auch, weil die Kompensationsstrategien für Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit, Hyperaktivität und andere Symptome zusammenbrechen. Sie funktionieren einfach nicht mehr und plötzlich ist man vielleicht nicht mehr in der Lage die Arbeitsmenge wie gewohnt zu schaffen und gerät ins Hintertreffen. Das Leben, wie man es gewohnt war, funktioniert plötzlich nicht mehr.

Was machst du nun mit dem Wissen darum, dass ADHS der Grund ist, weshalb du ständig alles mögliche suchst. Warum du dir alles, aber auch wirklich alles, notieren musst, weil es sonst in der nächsten Millisekunde wieder vergessen ist. Warum es dir so schwer fällt Ordnung zu halten oder überhaupt mit irgendetwas anzufangen. Das ADHS der Grund ist, warum es auch schon in der Schule so schwierig war. Stillsitzen, konzentrieren, zuhören. Nicht aus dem Fenster träumen, nicht mit dem Nachbarn quatschen, nicht mit dem Bein wippen. Und während du noch dabei bist zu verstehen, dich und dein Leben unter dem ADHS-Aspekt zu verstehen, klopft bereits die Menopause an und kackt dir nochmal richtig schön zwischen die Synapsen. Und Überraschung! Zeitreise zurück in die Pubertät und das ganze Chaos.

Für mich persönlich bedeutet das, dass all die Wut, die ich damals in mir hatte, all die Anspannung, von der ich damals nicht wusste wohin damit, wieder da ist. Und natürlich weiß ich auch jetzt wieder nicht wohin damit! Aber immerhin weiß ich diesmal was los ist: ADHS, Autismus und Perimenopause. Oder auch die Apokalyptischen Reiter, wie ich sie nenne. Herzlichen Dank für nichts, liebes Universum.

Was womöglich und eventuell helfen kann bei hormonellem Chaos zusammen mit ADHS: Hormonersatztherapie mit Östrogen und Progesteron in der Perimenopause. Selektive Serotoninwiederaufnahme-Hemmer (SSRI) bei PMDS. Eventuell kann auch eine Dosiserhöhung in der zweiten Zyklusphase (sofern man noch einen hat) helfen. Und natürlich Psychotherapie. Wenn die übermäßige Organisation, die härtere Arbeit für eine Aufgabe und die Unterdrückung eigener Gefühle und Bedürfnisse mit Eintritt in die Perimenopause nicht mehr funktionieren, werden neue Strategien gebraucht. Und vielleicht auch einfach eine Akzeptanz der ’neuen‘ Authentizität… der neuen Version von sich selbst. Die Version, die eben nicht mehr die eigenen Gefühle unterdrückt, die nicht mehr härter arbeitet und sich nicht mehr übermäßig organisiert, nur um mithalten zu können.

  • Östrogen stimuliert Dopaminsystem positiv. Progesteron vermutlich negativ. Daher oft bessere Wirkung von Stimulanzien in erster Zyklushälfte und schlechtere Wirkung in zweiter Zyklushälfte.
  • Pubertät & Perimenopause Phasen der hormonellen Umstrukturierung mit schwankenden Östrogen- und Progesteronleveln. Sprich: Mehr Chaos
  • In Perimenopause langsamer Rückgang von Östrogen. Daher Verschlimmerung ADHS-Symptomatik und Versagen von Copingstrategien.
  • Helfen kann ggf.: HRT (Östrogen), SSRI, Dosiserhöhung Stimulanzien, Psychotherapie

Moseley R. et al. (2026) Autism, ADHS and the menopause. Post Reproductive Health, 1–11. doi: 10.1080/20533691.2026.2631222

2 Wynchank D., Kooij S. (2026) Pharmacological Management of ADHD in Women Across Perimenopause, Menopause and Post-Menopause. Drugs Aging. doi: 10.1007/s40266-026-01291-z

3 Wynchank D., de Jong M, Kooij S. (2025) Practical tools for female-specific ADHD: The impact of hormonal fluctuations in clinical practice and from the literature. Eur Psychiatry. doi: 10.1192/j.eurpsy.2025.10120

5 Kooij S. et al. (2025) Research advances and future directions in female ADHD: the lifelong interplay of hormonal fluctuations with mood, cognition, and disease. Front. Glob. Women’s Health 6:1613628. doi: 10.3389/fgwh.2025.1613628

1 Osianlis E et al. (2026) ADHD in females: Survey findings on symptoms across hormonal life stages. J Psychiatr Res. 2026 Feb;193:208-215. doi: 10.1016/j.jpsychires.2025.11.035

4 Boyd, C, et al. (2026) ADHD and the female reproductive stages: menstruation, perinatal and menopause. Arch Womens Ment Health 29, 89 (2026). https://doi.org/10.1007/s00737-026-01718-x

Vigus, V., Bacon, A. M., & Jones, B. (2026). Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) experiences in perimenopause and menopause: a qualitative explorationAdvances in Mental Health, 1–14. https://doi.org/10.1080/18387357.2026.2673126

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Div Alpaka

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen