
Bei gelebter Sexualität spielt die verbale und non-verbale Kommunikation eine große Rolle. Wenig überraschend also, dass Autist:innen häufig Probleme im Dating, in laufenden Beziehungen und/oder in sexuellen Begegnungen erfahren. Autistische Wahrnehmung, Empfindung und Erleben unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von allistischer (nicht autistischer Wahrnehmung). Und zwar in allen Lebensbereichen, also auch im Bereich der Sexualität. Nun hat man Autist:innen aber ziemlich lange sexuelles Interesse Großteils abgesprochen. Zum Teil trifft man heute immer noch auf das Vorurteil, dass Autist:innen gar kein Interesse an romantischen Partnerschaften oder sexuellen Begegnungen hätten. Entsprechend dünn ist die Forschung zum Thema Autismus und Sexualität und auch das Wissen darum. Die Herausgeber:innen und Autor:innen Rittmann, Schöttle und Turner haben mit „Autismus und Sexualität – Forschung, Beratung, Therapie“ den aktuellen Forschungsstand und Handlungsempfehlungen für die Praxis zusammengefasst.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert und folgt einem – für mich – logischem Aufbau:
- Allgemeine Einführung zu Autismus und Sexualität
- Sexualitätsentwicklung von Kindheit bis Erwachsenenalter
- Gender, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Identität
- Mögliche Störungsbereiche
- Selbsthilfe, Psychoedukation, Beratung und Therapie
1: Allgemeine Einführung zu Autismus und Sexualität
Im ersten einführenden Teil wird mit Mythen und Vorurteilen zum Thema aufgeräumt. Es wird klar gestellt, dass Autist:innen in der Mehrheit großes Interesse an sexuellen Begegnungen haben (und auch das gesamte Spektrum menschlicher Sexualität abgedeckt wird), dieses Interesse jedoch oft nicht realisiert werden kann. Und zwar unabhängig davon, ob eine sprachliche oder kognitive Beeinträchtigung vorliegt oder nicht. Gängige benannte Vorurteile sind dabei, dass generelles Desinteresse an Sexualität bestehe, dass Körperkontakt abgelehnt werde oder dass Empathie und damit Gefühle für andere fehlen würden. Gegenüber diesen Mythen, zeichnet sich jedoch ab, dass Asexualität ebenso wie trans* und non-binäre Identitäten bei Autist:innen häufiger vorzukommen scheinen.
2: Sexualitätsentwicklung von Kindheit bis Erwachsenenalter
Im Teil zur Sexualtitätsentwicklung geht es – wenig überraschend – um die Entwicklung der Sexualität. Anhand der Phasen der psychosexuellen Entwicklung wird die Entwicklung von autistischen Kindern der Entwicklung neurotypischer Kinder gegenübergestellt und aufgezeigt, wo es zu Entwicklungsverzögerungen und/oder Schwierigkeiten kommen kann. Der Pubertät ist sicherlich zu Recht ein gesondertes Kapitel gewidmet. Diese Phase mit großen Veränderungen ist für alle Jugendlichen ein große Herausforderung, stellt autistische Jugendliche jedoch oft vor weitaus größere Probleme. Plötzlich verändert sich alles: Körper, Interessen der Freund:innen, Wechsel von Grundschule auf die weiterführende Schule und was nicht noch alles. Während neurotypische Jugendliche sich über die Entwicklungen oft freuen, kann es bei autistischen Jugendlichen eher zu Ablehnung der Veränderungen kommen oder dem Versuch, die Veränderungen zu ignorieren. Autist:innen hängen in der Entwicklung nicht selten ein bisschen hinterher. Fachkräfte schätzen den Entwicklungsrückstand von autistischen Jugendlichen auf 1 – 3 Jahre. Wenig verwunderlich also, wenn Jugendliche, die sich selbst noch wie ein Kind fühlen, mit den vielen Veränderungen nun überfordert sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Kapitel für Eltern autistischer Kinder und Jugendliche (oder Fachkräfte, die mit diesen arbeiten) einen Mehrwert bieten kann.
Nach dem Jugendalter hangeln wir uns über die Themen Partnerschaft und Partnersuche zu den Themen Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft. Die Herausgeber:innen haben in diesen Kapiteln die recht dünne Datenlage zusammengetragen, wobei diese Daten vor allem Heterosexualität und hochfunktionale Autismusbereiche abdecken. Zum Thema Partnersuche dürfte, den wenigsten Autist:innen neu sein: Flirten ist ein Problem. Meine Freund:innen fanden es immer urkomisch, wenn ich aus einer Unterhaltung mit jemandem zurück kehrte und überhaupt nicht verstanden hatte, dass da jemand dolle mit mir geflirtet hätte. Wir hatten uns doch nur nett unterhalten! Was mir entging: Spielerischer Blickkontakt der anderen Seite, mehrdeutige Bemerkungen oder auch ‚versehentlicher‘ Körperkontakt. Neben Partnerschaftszufriedenheit geht es dann auch noch um gängige Konfliktthemen wie zum Beispiel, dass Autist:innen unausgesprochene Wünsche und Erwartungen schlichtweg nicht erkennen und es einer klaren und offenen Kommunikation bedarf.
3: Gender, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Identität
Auf den dritten Teil zu Gender, sexueller Orientierung und Identität hatte ich persönlich mich sehr gefreut und war gespannt auf die neuen Erkenntnisse. Letzten Endes war für mich jedoch gar nicht so viel neues dabei. Für Personen, die sich jedoch selbst noch nicht wirklich mit diesen Themen auseinandergesetzt haben und vielleicht auch noch wenig Berührungspunkte mit queeren Lebensentwürfen hatten, bildet es eine solide Zusammenfassung und Abgrenzung der verschiedenen Begrifflichkeiten rund um das Thema: Sexuelle Orientierung ist ein Spektrum und umfasst mehr als Hetero-, Bi-, und Homosexualität und es gibt mehr als zwei Geschlechtsidentitäten (nicht nur männlich und weiblich). Wir erfahren, dass sich bei Autist:innen mit 15-35 % homo- oder bisexueller Orientierung eine größere Diversität zeigt, im Vergleich zu 5 % nicht hetero-sexueller Orientierung bei allistischen Personen. Auch identifizieren sich Autist:innen wesentlich häufiger als non-binär. Genderdysphorie (klinischer Leidensdruck aufgrund von Nicht-Übereinstimmung der Geschlechtsidentität mit zugewiesenem Geburtsgeschlecht) kommt bei Personen mit diagnostiziertem Autismus offenbar häufiger vor: 3-26 % der Kinder und Jugendlichen sowie 5-13 % der Erwachsenen mit Genderdysphorie haben zusätzlich eine Autismusdiagnose. In der Allgemeinbevölkerung wird die Häufigkeit von Genderdysphorie dagegen nur auf 0,02-0,08 % geschätzt. Also schon extrem selten. Die Autor:innen erörtern im Weiteren mögliche biologische, psychologische und soziologische Erklärungsansätze für das gleichzeitige Auftreten von Autismus und Genderdysphorie. So kurz wie diese jedoch gehalten sind, kann man davon ausgehen, dass man darüber einfach noch nicht viel weiß.
4: Mögliche Störungsbereiche
Teil vier des Buch ist der Klassiker mit möglichen Störungsbereichen und Komorbiditäten. Es wird kurz angerissen, wie sexuelle Störungen diagnostiziert werden und was sexuelle Funktionsstörungen und Störung der Sexualpräferenz umfasst, bevor kurz auf die möglichen sexuellen Probleme bei Autismus eingegangen wird. Für meinen Geschmack ist dieses Kapitel ein bisschen sehr dünn und allgemein gehalten und man hat es verpasst auf die Wahrnehmungsbesonderheiten (z. B. verminderte oder erhöhte Sensibilität auf taktile Reize oder Überforderung mit Reizen aus der Innenwahrnehmung) einzugehen. Aber vielleicht gibt es dazu auch schlichtweg keine Daten. Es folgt die klassische Auflistung der bekannten Komorbiditäten und wie sich dass im Zusammenspiel auf die Sexualität auswirken kann bzw. könnte. Insgesamt sehr theoretisch und fraglich inwieweit das im Einzelfall hilfreich ist, da das Zusammenspiel zwischen zwei oder mehreren Diagnosen doch sehr individuell ist.
5: Selbsthilfe, Psychoedukation, Beratung und Therapie
Wer sich bis hierhin durch die Theorie gewühlt hat, freut sich nun auf den fünften Teil und konkrete Handlungsempfehlungen. Auch hier finde ich den Aufbau gelungen: Erst Fokus auf Selbsthilfe und an welchen Stellen Peer Support hilfreich sein kann mit der Erkenntnis, dass Sexualität in Peer Support/Selbsthilfegruppen oft wenig Raum hat. Dabei gäbe es definitiv einen Bedarf an Peer Support zu Autismus und sexueller Bildung, Identität und Problemen oder Herausforderungen im Zusammenhang mit Sexualität. Im Weiteren geht es in diesem Buchteil um praktische Hilfsmittel und Psychoedukation unter anderem zu den Themen Körperhygiene, Geschlechtskrankheiten und Empfängnisverhütung, sexualisierter Gewalt und Dating. Während sich die meisten Themen hier eher an Bezugs- und Fachpersonen richtet, finde ich das Kapitel zu Dating auch durchaus wertvoll für Autist:innen selbst. Und sei es nur, um einmal nachzulesen, dass man nicht alleine sind mit den Flirt- und Dating-Schwierigkeiten.
Zum Ende des fünften Teils geht es um weitere Angebote, wie Sexualberatung, Sexualtherapie und dass das Thema Sexualität im psychotherapeutischen Kontext oft eher gemieden wird. In diesem Zusammenhang lese ich eine Art Appel an Psychotherapeut:innen heraus, für Themen bezüglich Sexualität, sexueller Identität und Orientierung offen zu sein, da die Therapie oft der einzige Raum ist, in dem Autist:innen offen darüber reden können. Insgesamt gibt es in diesem Kapitel viele nützliche Hilfestellung zum Umgang mit Sexualität im psychotherapeutischen Setting mit Kindern & Jugendlichen (z. B. zu Körperbewusstsein und Hypersensibilität bezüglich Kleidung oder sexuellen Vorlieben) aber auch mit Erwachsenen (z. B. Einsamkeit, Unterstützung bei Partnersuche oder Unterstützung in der Partnerschaft). Interessant fand ich dann noch die Ausführungen zu Erotik-Workshops und Sexualbegleitung von der mir bislang überhaupt nicht bewusst war, dass es das als Angebot gibt und was das überhaupt umfasst. So können im Rahmen der Sexualbegleitung wohl unter anderem auch Dating-Szenarios geübt werden. Zum Ende des fünften Teils findet sich auch noch eine Übersicht und Zusammenfassung wesentlicher Sexualhormone, Neurotransmitter und Neuromodulatoren sowie Auswirkungen von Psychopharmaka auf sexuelle Funktionen.
Was halte ich nun davon?
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich mir von dem Buch erhofft hatte. Ich finde erstmal gut, dass der aktuelle Forschungsstand in einem Buch zusammengefasst wurde und auch den Aufbau des Buches empfinde ich persönlich als sehr logisch. Insbesondere den einführenden Teil und den dritten Teil zu den Themen Gender, sexuelle Orientierung, Geschlecht und Identität fand ich gut. Im ersten Teil wird mit Vorurteilen und Mythen aufgeräumt und im dritten Teil wird bewusst gemacht, dass Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung und Genderdysphorie bei Autist:innen durchaus ein relevantes Thema sein kann. Ich glaube, dass der zweite Teil zur Sexualitätsentwicklung nicht nur für Fachkräfte interessant sein kann, sondern auch für Sorgeberechtigte und andere Bezugspersonen. Ich bin überzeugt, dass das Wissen um die sexuelle Entwicklung Berührungsängste im Umgang mit betreffenden Kindern und Jugendlichen abbauen kann. Gegebenenfalls kann das Wissen dazu auch verhindern, dass das Thema ‚vergessen‘ wird, weil der Eindruck entstanden war, dass Sexualität keine Rolle spielen würde.
Ein bisschen dünn fand ich dann jedoch Teil 4 und 5 wo es dann für meinen Geschmack doch recht oberflächlich um mögliche Probleme im Zusammenhang mit Sexualität und Autismus geht und auch eher stichpunktartig was mögliche Interventionen sein könnten. Komplett gefehlt hat mir der Bereich um sensorische Probleme, wenn zum Beispiel Berührungen zu stark oder zu sanft sind. Dass Berührungen in sexuellen Begegnungen weniger vorhersehbar sind. Dass es aufgrund der Schwierigkeit nonverbale Kommunikation wahrzunehmen und einzuordnen, wenn das Gegenüber durch nonverbale Signale sexuelle Angebote macht. Dass man als Autist:in selbst kaum diese non-verbalen Signale senden kann (weil man sie halt wenig beherrscht) um das Gegenüber auf die eigene Bereitschaft für ein Techtelmechtel hinzuweisen. Das ist ja ein Problem, dass durchaus über das Dating hinaus geht und auch in Partnerschaften weiterhin bestehen kann und auf beiden Seiten zu Frust und Ablehnungsgefühlen führen kann. Und bestimmt noch vieles weitere, was mir jetzt nicht einfallen will. Aber das Thema Sexualität und Autismus ist wesentlich größer als sexuelle Orientierung, Dating oder Körperhygiene.
Anders gesagt: Das Buch ist an sich eine solide Zusammenfassung der basalen Themen rund um Autismus und Sexualität. Es hat sicherlich auch den ein oder anderen wertvollen Ansatz in Erziehung, Beratung oder Therapie. Nach meinem Gefühl aber eher im Umgang mit Autist:innen mit größeren Einschränkungen und weniger im Umgang mit jenen, die sich dank Masking-Strategien einigermaßen unauffällig durch die Gesellschaft bewegen.
Für wen ist das Buch geeignet?
Es ist ein Fachbuch für Fachpersonen und kein Ratgeber für Autist:innen und deren An- und Zugehörige. Wer aber als Laie ein bisschen wissenschaftliches Interesse mitbringt, findet hier auch ein paar interessante Kapitel drin. Im Buch ist der aktuelle Wissensstand zusammengefasst. Da die Datenlage aber noch gar nicht so viel her gibt und manche Fragestellungen auch noch gar nicht beforscht wurden, fehlen meines Erachtens einfach ein paar wichtige Themen. Da wären Erfahrungen aus der Praxis evtl. wertvoll um die Lücke zu schließen.
Das Buch Autismus und Sexualität gibts beim Kohlhammer Verlag: https://shop.kohlhammer.de/autismus-und-sexualitat-45804.html#147=19

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