Die Legende von der Wunschdiagnose oder: Warum Selbstdiagnosen wichtig sind.

, , ,

Es gibt Artikel wie ‚Vom Stigma zu Absolution‘, die erwecken eher den Eindruck, dass Menschen mit Selbstdiagnose und Verdacht auf ADHS oder Autismus eigentlich nur eine Ausrede suchten. Eine Ausrede für ihr Verhalten, ihre Überforderung mit der Welt oder eventuell geringeres Leistungsniveau. Denn wenn es ADHS oder Autismus sei, dann sei das ja alles neurobiologisch und man selbst müsse gar nichts ändern. Natürlich ist da was Wahres dran. Immerhin sind ADHS und Autismus ja neurobiologisch bedingt und die veränderte Neurobiologie oder ‚andere Verdrahtung im Hirn‘ führt ja immerhin zu den jeweils typischen Verhaltensweisen. Und natürlich ist es auch völlig zu Recht zu kritisieren, wenn die Diagnosemotivation vorrangig darin besteht, dann zu einer ’neurodivergenten Community‘ dazuzugehören oder um von der Notwendigkeit möglicher (persönlicher) Veränderung freigesprochen zu werden, da man an der eigenen Neurobiologie ja nichts ändern könne.

DAS DING MIT DER WUNSCHDIAGNOSE

Ganz klar. Die Klientel, die mit einer konkreten Wunschdiagnose zur Diagnostik kommen, die gibt es. Das zeigte eine Untersuchung von Neumann et al. (2026): Hier wurden klinische Psychologen in Österreich zu ihren Erfahrungen mit Personen in der Diagnostik befragt. Zum einen wurde beschrieben, dass immer mehr Personen mit einer ‚Selbst-Diagnose‘ in die Diagnostik kämen und im Grunde nur Bestätigung für die Diagnose suchten und zwar insbesondere bei ADHS und Autismus. Es werden Personen beschrieben, die nach dem Diagnoseprozess nicht bereit sind, etwas anderes zu akzeptieren als die Wunschdiagnose. Mitunter treten die Personen dann sehr fordernd oder gar bedrohend auf. Das ist unbestreitbar problematisch (um es mal nett auszudrücken). Meiner Meinung nach gehört es dazu, dem diagnostischen Prozess mit einer gewissen Offenheit zu begegnen und sich vorher evtl. auch die Frage stellen, was eigentlich das Ziel der Diagnostik sein soll. Wenn es darum geht, sich selbst besser verstehen zu können oder passende Hilfen zu finden, dann ist sollte es doch nebensächlich sein, ob man mit Selbstdiagnose rein kommt und der Wunschdiagnose raus kommt oder aber mit einer anders lautenden Diagnose. Man wäre in jedem Fall dem besseren Verständnis und passenden Hilfen ja ein Stück näher. In dem Artikel von Neumann et al. wird zum Ende hin auch beschrieben, dass eine emphatische Kommunikation der (nicht vorhandenen) Wunschdiagnose und eine fundierte Aufklärung darüber, was Diagnosen wie ADHS oder Autismus im Alltag tatsächlich bedeuten und warum man in der Gesamtschau zu einer anderen Diagnose kommt, in der Regel gut verstanden und akzeptiert werde.

Im Artikel wird darüber hinaus auch benannt, dass Diagnosesuchende teilweise oft bereits extrem gut über die jeweilige Diagnose informiert seien. Aus Erfahrungsberichten auf Reddit & Bluesky wird auch immer wieder mal benannt, dass Diagnostiker die Diagnose trotz erfüllter Kritieren nicht vergeben würde, da schon zuviel Störungswissen vorhanden sei (Wenn ich sowas lese, frage ich mich immer wieder, wie man mit der Einstellung eigentlich Fachkolleg:innen diagnostizieren möchte, falls die mal in die eigene Praxis stapfen?!). Teilweise weisen Diagnostiksuchende aber auch nur mit Halbwissen und TikTok-Infos vor. Und mittlerweile sollten wir doch eigentlich alle wissen, dass TikTok jetzt nur bedingt eine Quelle für fundierte Informationen ist, oder?! Halbwissen kann jedenfalls dazu führen, dass normale Alltagserfahrungen pathologisiert werden und behandlungsbedürftig bewertet werden. Jeder Mensch erlebt Schwankungen in der Konzentration und ich kenne niemanden, der gern zur Rush-Hour in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Jede:r sucht mal die Schlüssel oder vergisst einen Termin. Und manche Menschen arbeiten lieber im Homeoffice und sind froh um jedes Meeting, dass sie verpassen dürfen. Das kann alles auch bei ADHS und/oder Autismus vorkommen. Die Ausprägung und der Impact auf das alltägliche Leben und allen Lebensbereichen ist jedoch ein ganz anderer, als bei normalen Alltagserfahrungen.

AUS DER WISSENSCHAFT: VOR- UND NACHTEILE (SELBST-)DIAGNOSE

Die beiden Autor:innen Stagg & Sobiechowski (2026) haben selbstdiagnostizierte Autist:innen befragt, was ihre Beweggründe für eine Selbstdiagnose waren und welche Vor- und Nachteile sie darin sehen:

  • Die Mehrzahl (56 %) erhoffte sich mit einer formalen Diagnose ein besseres Verständnis für sich selbst oder Zugang zu passenden Hilfen (38 %). Akzeptanz durch andere (13 %) oder sich nicht mehr wie ein Imposter (11 %) zu fühlen wurden seltener als wichtige Gründe für eine formale Diagnose benannt.
  • Da die überwiegende Mehrzahl (78 %) der Befragten von Zugangshindernissen (Negative Erfahrungen mit Gesundheitssystem, Warteliste, Kosten privater Diagnostik) zu formaler Diagnostik berichteten, bleibt Betroffenen oft nur die Selbstdiagnose.
  • ca. 2/3 der Befragten positive Auswirkungen der Selbstdiagnose auf relevante Lebensbereiche unter anderem durch angepasste Coping-Strategien, bessere Akzeptanz eigener Bedarfe und Grenzen und besseres Verständnis bzw. Mitgefühl für sich selbst.
  • Nicht ganz die Hälfte (46 %) beschrieben oder befürchteten jedoch auch negative Auswirkungen durch fehlende Unterstützung und Akzeptanz, Angst vor Diskriminierung oder dem Eindruck hinsichtlich Karrierezielen eingeschränkt zu sein.

DIAGNOSEN SIND ERKLÄRUNG. KEINE ENTSCHULDIGUNG.

Diese neurotypische Welt und Gesellschaft ist oft nicht gemacht für neurodivergente Menschen und wir ecken wie ein Quadrat im Kreis ständig irgendwo an. Und natürlich gibt es Personen, die es sich mit einer ADHS/Autismus Diagnose vermeintlich ‚leicht‘ machen und die Diagnose als Entschuldigung für ihr Verhalten vor sich hertragen. Da gibt es Menschen, die sich im anders-sein zu sonnen scheinen und das Ganze hipp und ‚spicy‚ finden und es geradezu feiern, Teil der neurodivergenten Community zu sein. Der überwiegenden Anzahl ist aber ganz klar: Die Diagnose ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung.

Was mir in den aktuellen Artikeln zum Thema Wunschdiagnose und ‚alle wollen jetzt neurodivergent sein‘ ein bisschen (naja… sehr stark) fehlt, ist ein objektiverer und neutralerer Blick auf das Ganze:

  • Ja, es gibt Personen, die mit Wunschdiagnose zur Diagnostik kommen und unangenehm werden, wenn die Diagnose nicht gestellt wird. Das ist so überhaupt gar nicht in Ordnung.
  • Ja, es gibt Menschen, die zur Diagnostik kommen, einfach um das Label zu erhalten und ohne, dass sie passende Unterstützung wollen. Da sehe ich die Verantwortung beim Diagnostiker zu erfragen, wo die Diagnostik hinführen soll und was danach damit passieren soll. Wenn im Grunde kein Leidensdruck besteht und auch keine Veränderungsmotivation erkennbar ist um nachfolgende erforderliche Anpassungen vorzunehmen, dann ist in Frage zu stellen, ob man an der Stelle überhaupt den diagnostischen Prozess beginnen sollte. Die verfügbaren Ressourcen sind knapp genug. Und vielleicht entspringt die Diskussion um Wunschdiagnosen ja im Kern auch ein wenig dem Problem von knappen Ressourcen und der Überlastung diagnostizierender Fachpersonen. Es muss frustrierend sein, wenn man sich von immer weiter zunehmenden Anfragen überrannt wird und nur einem Bruchteil davon tatsächlich was anbieten kann. Und wenn dann noch Personen dabei sind, die nur ihre Wunschdiagnose bestätigt haben wollen und kein anderes Outcome akzeptieren, dann kann man auch schonmal verärgert sein. Zu Recht.
  • Was in der Diskussion aber regelmäßig fehlt ist die Trennung von Menschen, die eine Wunschdiagnose suchen und Menschen, die mit Selbstdiagnose zum Termin erscheinen. Was bleibt Betroffenen denn anderes übrig, als jedes online frei verfügbares Tool zu nutzen und sich mit der vermuteten Diagnose auseinanderzusetzen, wenn der nächste freie Termin zur Diagnostik erst in 2 bis 4 Jahren ist?!

Selbstdiagnosen können als Arbeitshypothese erstmal die Lücke schließen, bis eine formale Diagnostik möglich ist. Und mit der Arbeitshypothese aka Selbstdiagnose kann man beginnen Anpassungen im Leben vorzunehmen oder mal ein paar Tipps von anderen Neurodivergenten ausprobieren. Vielleicht hilft ja was davon. Wenn man schon nicht an Hilfe von Fachpersonen ran kommt.

Schubert, T. & Lensing, C. (2026). Vom Stigma zur Absolution: Wunschdiagnosen verstehen und im Praxisalltag begegnen. Psychotherapeutenjournal, 25 (3), 218–225. https://doi.org/10.61062/ptj202603.001

Neumann, M. et al. (2025). Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults: Mixed-methods insights from clinical psychologists. International Journal of Clinical and Health Psychology, 26(1), 100661. https://doi.org/10.1016/j.ijchp.2025.100661

Stagg, S. D., & Sobiechowski, A. (2026). The antecedents, challenges and benefits of an autism self-diagnosis. Journal of Mental Health, 1–12. https://doi.org/10.1080/09638237.2026.2732894

Kommentare

  1. Es gibt einen einzigen Grund, weshalb noch eine gesicherte Diagnose bräuchte.

  2. Vertippt *und* zu früh abgeschickt. Nicht mein Tag heute. Also nochmal…

    Es gab einen einzigen Grund, weshalb ich eine gesicherte Diagnose brauchte: Ohne diese ist es unmöglich, auf legale Weise die Unterstützung zu bekommen, die ich brauche. Meinen Psychotherapieplatz habe ich bereits. Doch damit ich dabei etwas lerne, benötige ich unterstützende Medikamente. Und die bekomme ich nun nach gesicherter Diagnose von einer Psychiaterin verschrieben.
    Hätte ich nicht mein Leben komplett ändern wollen, dann hätte auch die Selbstdiagnose meine Neugier befriedigt.

Schreibe einen Kommentar

Entdecke mehr von Div Alpaka

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen